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Interview
Interview mit der Zeit am 23. April 2009
"Ich will, dass alle Bürger entlastet werden"
Seehofer über Steuersenkungen in der Krise und das soziale Gesicht der Republik
DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, Angela Merkel hat in dieser Woche angedeutet, dass der Tiefpunkt der Wirtschaftskrise möglicherweise in Sicht sei. Teilen Sie diese Einschätzung?Horst Seehofer: Ich möchte keine exakte Prognose abgeben, aber ich hoffe es ebenfalls. In meinen vielen Gesprächen mit Fachleuten und Unternehmern konnte niemand vorhersagen, wie es wirtschaftlich im Sommer oder im Herbst aussehen wird. Dafür haben wir in den vergangenen Monaten zu viel Dynamik erlebt - selbst in einem Land wie Bayern, das wirtschaftlich sehr robust ist.
ZEIT: Sehr optimistisch klingt das nicht.
Seehofer: Ich würde sagen: Es klingt
realistisch.
ZEIT: Was bedeutet das für den bevorstehenden
Wahlkampf? Wenn Sie ehrlich wären, müssten Sie den Bürgern sagen:
Tut uns leid, wir wissen auch nicht, was in vier Monaten sein
wird.
Seehofer: Wir müssen uns als CDU/CSU klar
ordnungspolitisch orientieren und dürfen nicht einem
Überbietungswettbewerb der Versprechungen erliegen. Im Prinzip hat
die Bundesregierung die richtigen Antworten gegeben und bislang
sehr klug und besonnen reagiert. Da bin ich nicht unzufrieden mit
den Leistungen der Großen Koalition.
ZEIT: Die Union will ihr Wahlprogramm erst Ende
Juni vorstellen. Warum so spät?
Seehofer: Wir haben kein Defizit des Handelns. Was
die Bundesregierung und die bayerische Staatsregierung zum jetzigen
Zeitpunkt leisten konnten, ist getan. Die Steuer- und
Abgabenentlastung ist beschlossen. Das Investitionsprogramm wird
umgesetzt. Deshalb besteht keine Notwendigkeit, das alles mit
theoretischen Vorschlägen zu toppen. Als Union sind wir dabei,
unser Wahlprogramm in aller Ruhe zu konzipieren. Der Termin Ende
Juni liegt, wie ich finde, richtig.
ZEIT: Die Entscheidung für das zweite
Konjunkturpaket fiel im Januar vor dem Hintergrund einer
Wachstumsprognose von minus 2,25 Prozent. Jetzt lautet die Prognose
minus 5 Prozent. Reichen die bisherigen Maßnahmen aus?
Seehofer: Man muss im Lichte der tatsächlichen
Entwicklung entscheiden, was geboten ist. Wir können nicht einfach
auf Vorrat Konjunkturprogramme schreiben. Wir haben aber beim
Bankenhilfsprogramm und bei der Abwrackprämie gezeigt, dass die
Politik - Gott sei Dank - sehr schnell reagieren kann. Wenn sich
eine besondere Situation ergeben sollte, werden wir reagieren. Die
Große Koalition muss deshalb bis zum letzten Tag handlungsfähig
bleiben.
ZEIT: Wenn sich die Krise weiter verschärft,
ist es nur eine Frage der Zeit, bis Sozialpolitiker höhere
Transferleistungen fordern, etwa die Erhöhung von Hartz IV. Zu
Recht?
Seehofer: Wir haben exakt die umgekehrte Situation
wie im Bundestagswahlkampf 2005. Damals gab es die offene soziale
Flanke, und die Union hat darauf mit Kündigungsschutz,
Kopfpauschale, Besteuerung von Schichtzuschlägen und so weiter
geantwortet - mit dem bekannten Wahlergebnis. Im Sommer dieses
Jahres wird der Satz »Sozial ist, was Arbeit schafft« im
Mittelpunkt stehen. Ich habe diesen Satz nicht immer für richtig
gehalten, auch weil er in wirtschaftlich guten Zeiten missbraucht
wurde. Jetzt geht es darum, wie wir dazu beitragen können, dass die
Menschen ihren Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen. Unser ganzes
Handeln muss den Arbeitsplätzen für die Menschen dienen.
ZEIT: Wäre es nicht ebenfalls sozial, die
Hartz-IV-Sätze zu erhöhen?
Seehofer: Was gesellschaftspolitisch in diesem
Lande getan wurde, vor und während der Krise, da stimmt die Bilanz
eins a. Wir haben die Rentenformel ausgesetzt, mit der Folge, dass
es in diesem Jahr endlich mal wieder eine Rentenerhöhung gibt, die
man vorzeigen kann. Wir haben das Arbeitslosengeld und das
Kurzarbeitergeld verlängert. Wir haben das Bafög und das Wohngeld
erhöht. Wir haben die Familienleistungen verbessert, Kindergeld und
Kinderfreibetrag sind gestiegen. Das heißt, wir haben das soziale
Gesicht dieser Republik deutlich verbessert. Jetzt geht es um das
zweite Standbein, das für die Teilhabe der Menschen an dieser
Gesellschaft wichtig ist, nämlich das Einkommen aus Arbeit.
ZEIT: Die SPD will den Eingangssteuersatz auf
10 Prozent senken, die CSU fordert bislang 12 Prozent. Warum so
zaghaft?
Seehofer: Die SPD will nur den Eingangssteuersatz
senken, aber die kalte Progression nicht antasten. Damit verschärft
sie das Problem, dass den Leuten netto immer weniger von dem
bleibt, was sie brutto mehr verdienen. Das ist ein
Schildbürgerstreich. Ich will, dass alle Bürger entlastet werden.
Steuersenkungen sind das entscheidende Mittel zur Renaissance der
sozialen Marktwirtschaft. Wir brauchen junge Leute, die Existenzen
gründen, wir brauchen einen Anreiz für Leistung. Momentan erleben
die Bürger nur, dass der Staat das, was sie brutto mehr bekommen,
zum Großteil wieder kassiert.
ZEIT: Jetzt reden Sie wie Friedrich Merz
2005.
Seehofer: Mit Friedrich Merz habe ich viele
Diskussionen bestritten, aber er lag auch häufig richtig. Das habe
ich auch früher schon gesagt.
ZEIT: Was ist so falsch daran, den
Spitzensteuersatz leicht zu erhöhen, wie es die SPD vorhat?
Seehofer: Unser Motto lautet: Steuern runter statt
rauf! Was die SPD vorhat, ist ein staatlicher Raubzug. Weil es ein
Problem mit den Finanzen gibt, greift man den Menschen in die
Tasche. Das ist bei der SPD wie ein Naturgesetz.
ZEIT: Teilen Sie die Ansicht, dass es trotz
Finanzkrise noch reiche Bürger gibt?
Seehofer: Ja.
ZEIT: Warum sollte man diese dann nicht stärker
an der Finanzierung der Gesellschaft beteiligen?
Seehofer: Schauen Sie sich einmal an, wer da für
die SPD alles schon reich ist! Sie wissen, welcher Anteil der
Bevölkerung welchen Anteil des Steueraufkommens trägt: Den Großteil
zahlen die oberen 20 Prozent. Die letzte Steuersenkung hat die
Regierung von Gerhard Schröder 2000/2001 beschlossen. Nach fast
zehn Jahren ist es höchste Zeit für die Botschaft: Wir lassen euch
wieder mehr netto! Bisher haben doch die Finanzminister profitiert,
nicht die Bevölkerung. Ich möchte, dass die Politik die Entlastung
derjenigen Menschen in den Mittelpunkt stellt, die in der Früh zur
Arbeit fahren und ihre Leistung erbringen, die daneben die Kinder
großziehen und trotzdem jeden Euro umdrehen müssen.
ZEIT: Das von Ihnen so gescholtene Konzept der
SPD ist immerhin aufkommensneutral. Sie versprechen dagegen
Steuersenkungen, ohne zu sagen, wie Sie die Einnahmeausfälle
kompensieren. Warum sollen die Bürger Ihnen das abnehmen?
Seehofer: Der beste Beitrag zur Glaubwürdigkeit
ist die Tatsache, dass wir schon ab dem 1. Juli mit Steuersenkungen
beginnen - nachrechenbar für jeden! Ohne die CSU hätte das nicht
stattgefunden. Beginnend mit dem 1. Juli, gibt es Steuer- und
Abgabensenkungen, die bis Ende des Jahres 2010 ein Volumen von 25
Milliarden Euro haben.
ZEIT: Um der schwächelnden Tourismusbranche zu
helfen, will Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger
nun den Mehrwertsteuersatz für Gastronomen und Hoteliers von 19 auf
7 Prozent senken...
Seehofer: ...damit schließt er sich unserer
bayerischen Bundesratsinitiative an!
ZEIT: Werden weitere Länder folgen?
Seehofer: Das ist nur eine Frage der Zeit. Ich
wette, als Nächstes wird Mecklenburg-Vorpommern da mitmachen, auch
ein Bundesland, das - wie Bayern oder Baden-Württemberg - sehr
stark vom Tourismus lebt.
ZEIT: Aber Finanzminister Peer Steinbrück lehnt
niedrigere Mehrwertsteuersätze ab. Und auch die Kanzlerin hat
weiteren Steuersenkungen »in dieser Regierungszeit« bereits eine
Absage erteilt.
Seehofer: Ich habe von Steinbrück schon zwei Mal
gehört, dass die Steuern nicht gesenkt würden, bei der
Erbschaftsteuer und bei der Einkommensteuer im Konjunkturpaket.
Beide Male kam es anders. Dieser Salto der SPD ist schon
faszinierend.
ZEIT: Wie sehr wird diese Wirtschaftskrise das
Land verändern?
Seehofer: Ich habe große Hoffnung, dass wir
Wirtschaft und Ethik wieder zusammenführen. Ich habe den
Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus erlebt. Und ich
erlebe jetzt den Zusammenbruch des Spekulationskapitalismus.
Dazwischen waren manche Stationen politisch schwierig für mich,
gelegentlich hatte ich das Gefühl, ein politischer Außenseiter zu
sein. Aber ich habe diese Extreme nie mitgemacht. Bei mir gehörte
zur Leistung immer auch die soziale Seite dazu. Ich muss heute
keine meiner Reden von damals verändern, ganz im Gegensatz zu
vielen anderen. Mit dieser Krise sind nicht nur einzelne Banken und
Unternehmen zusammengebrochen, es ist ein Weltbild
zusammengebrochen. Ich bin durchaus dafür, dass man die Schuldigen
beim Namen nennt und eklatante Auswüchse abstellt.
ZEIT: An wen denken Sie?
Seehofer: An all jene, die jenseits von Augenmaß
und Vernunft in systemrelevanten Banken an diesem
Spekulationskapitalismus teilgenommen haben.
ZEIT: Also ist Josef Ackermann auch einer der
Schuldigen, die man nennen müsste?
Seehofer: Natürlich gehört er zu den Schuldigen.
Nicht im Sinne einer strafrechtlichen Schuldzuweisung, aber der
Chef der Deutschen Bank hat das Weltbild, das nun einstürzt,
wesentlich mit geformt.
ZEIT: Ein anderes Thema, das die Menschen
derzeit bewegt, ist die grüne Gentechnik. Sind Sie zufrieden mit
der Entscheidung der Bundeslandwirtschaftsministerin, in
Deutschland den Anbau von Genmais zu verbieten?
Seehofer: Sehr zufrieden. Die Ministerin folgt
damit dem Grundsatz, den wir in der Großen Koalition vereinbart
haben: Der Schutz von Mensch und Umwelt behält in Deutschland
oberste Priorität. Ich wundere mich deshalb über den
Ministerpräsidenten aus Niedersachsen, der behauptet, die
Entscheidung von Frau Aigner widerspreche der
Koalitionsvereinbarung. Das ist falsch.
ZEIT: Frau Aigner legt Wert darauf, dass es
sich um einen Einzelfall handele. Sie sind schon einen Schritt
weiter, Bayern soll grundsätzlich gentechnikfrei werden.
Seehofer: Gentechnisch veränderte Organismen
werden ja bislang auf europäischer Ebene zugelassen, nicht durch
die Nationalstaaten. Wir in Bayern wollen aber selbst entscheiden,
ob auf unseren Feldern grüne Gentechnik angewandt wird. Wenn ein
anderes Land Genmais anbauen will, dann muss es das gegenüber der
eigenen Bevölkerung vertreten. Wir in Bayern wollen das beim
derzeitigen Forschungsstand nicht.
ZEIT: Der Präsident der TU München, ein
CSU-Mann, fürchtet deshalb um den Forschungsstandort Bayern.
Seehofer: Man muss zwischen der ökonomischen
Nutzung und der Forschung unterscheiden. Ich war immer der Meinung,
dass wir in Deutschland Forschung betreiben sollten, damit uns
andere nicht überholen. Aber auch die Forschung muss bestimmte
Regeln einhalten. Es gibt ethische Maßstäbe und Grenzen der
Verantwortung. Man sollte sich deshalb bei der grünen Gentechnik
auf die Forschung in geschlossenen Einrichtungen konzentrieren.
Die Fragen stellten Marc Brost und Matthias Krupa
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Zeit.

