Rede

Treffen ehemaliger Häftlinge des KZ Flossenbürg und der Internationalen Jugendbegegnung

Datum der Rede: 22.07.12 Rednerin/Redner: Ministerpräsident Horst Seehofer

Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort.

- Anrede -

Hier in Flossenbürg vor dem Arrestbau zu stehen – das ist ein sehr ergreifender Moment für mich.

Sieben Helden des militärischen Widerstands gegen Hitler sind in diesem Arrestbau inhaftiert worden. Und genau da, wo wir stehen, am Hinrichtungsplatz, wurden sie ermordet.

Das waren sieben aus tausenden namenlosen Opfern, die hier gedemütigt, gequält und ermordet wurden.

Vorgestern erst habe ich an der Gedenkfeier zum 20. Juli 1944 am Bendlerblock in Berlin teilgenommen. An diesen Hinrichtungsorten die richtigen Worte zu finden, fällt schwer. Wir können mit dem Geist nicht fassen, dass Menschen zu solchem Hass, zu solcher Grausamkeit fähig waren.

Umso wichtiger ist die Erinnerung an das unsagbare Leid, an all die unbekannten Opfer.

Wir dürfen nicht vergessen.
Wir müssen uns erinnern.

Das sind wir den Opfern schuldig. Das sind wir der Zukunft schuldig.

Ich bedanke mich von ganzem Herzen für die Einladung zum Treffen der Überlebenden des Konzentrationslagers Flossenbürg und zur Internationalen Jugendbegegnung.

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist eine Ehre für mich, heute bei Ihnen zu sein.
Menschen wie Sie kann ich nur bewundern.

Sie haben hier so viel verloren und so sehr gelitten. Sie haben das Grauen überlebt.
Und dennoch kommen Sie immer wieder nach Flossenbürg.

Zusammen mit anderen Überlebenden und Angehörigen gedenken Sie Ihrer Toten. Sie halten die Erinnerung wach.

Und Sie berichten jungen Menschen von Ihrer Erfahrung mit Willkür und Gewalt. Damit leisten Sie einen unschätzbaren Beitrag für eine menschliche Zukunft, für Freiheit und Demokratie.

Sehr geehrter Herr Dr. Terry,

Sie sind einer von diesen bewundernswerten Zeitzeugen, die über ihr Schicksal sprechen, die das Unfassbare in Worte kleiden. Wir können uns glücklich schätzen, Sie heute bei uns zu wissen. Für Ihr Kommen sind wir Ihnen zutiefst dankbar.

Sie haben einmal gesagt:

„Obwohl ich Flossenbürg sobald wie möglich verließ, hat Flossenbürg mich nie verlassen. Für uns, die ehemaligen Häftlinge, wurden die Ereignisse der Vergangenheit das Fundament unseres gequälten Lebens.“

Ihre Worte haben mich zutiefst berührt. Sie machen uns allen begreifbar: Die Vergangenheit darf sich nicht wiederholen. Wir brauchen eine wehrhafte Demokratie. Das ist der große Auftrag für die Zukunft.

Sehr geehrter Herr Dr. Terry,
sehr geehrte Damen und Herren,

wie schmerzvoll Ihr persönlicher Einsatz gegen das Vergessen und gegen die Gleichgültigkeit ist, können wir nicht einmal erahnen. Ihre Courage und Ihre Stärke können wir nur bewundern!

Sie alle sind unersetzbar für unseren Umgang mit der Vergangenheit. Sie sind Vorbilder für eine gerechte, für eine bessere Welt.

Für Ihre unermessliche menschliche Größe spreche ich Ihnen meine größte Hochachtung und meinen tief empfundenen Dank aus.

Menschen wie Sie leben uns vor: Unsere Demokratie, unsere Freiheit brauchen Erinnerung. Unsere Demokratie, unsere Freiheit brauchen Einsatz, Engagement und auch Mut eines aufrechten Bürgersinns.

Ich versichere Ihnen: Wir nehmen unseren Auftrag aus der Vergangenheit sehr ernst. Wir halten die Erinnerung wach. Die Opfer bleiben unvergessen.

Deshalb ist die Gedenkstätte Flossenbürg Erinnerungsort und Lernort zugleich.

Hier in Flossenbürg erleben junge Menschen:
Unsere Demokratie braucht Demokraten!

Wir brauchen junge Menschen, die sich bekennen und die sich gegen die simplen Lösungsmuster radikaler Demagogen stellen.

Wir brauchen junge Menschen, die auf Rechtsradikalismus, Antisemitismus und andere ideologische Pervertierungen entschlossen antworten: „Nie wieder!“

Sehr geehrter Herr Dr. Skriebeleit [Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg],

mit dieser Gedenkveranstaltung und Ihrer täglichen Arbeit setzen Sie ein Signal gegen die Gleichgültigkeit. Ihnen und Ihrem Team herzlichen Dank!

Ebenso danke ich den Organisatoren des Internationalen Jugendtreffens der Evangelischen Jugend Oberfranken.

Sehr verehrte Frau Schröder,
sehr geehrter Herr Schröder,

seit mehr als zehn Jahren setzen Sie als Organisatoren des Jugendtreffens Zeichen für Völkerverständigung und friedliches Miteinander in Europa. Respekt und Vergelt’s Gott für Ihre Arbeit.

Bundespräsident Joachim Gauck hat einmal gesagt:

„Jede neue Generation muss ihren speziellen Weg finden, die deutsche Geschichte zu begreifen und daraus eigene Verantwortung abzuleiten.“

Liebe Jugendliche,

Sie kommen aus Belgien, Polen, Tschechien, der Slowakei, Israel, der Ukraine, Belarus und Bayern nach Flossenbürg. Ihr Weg ist die Begegnung. Dieses Jugendtreffen ist der beste Beitrag für ein friedliches Miteinander, für Freiheit und Demokratie, den ich mir vorstellen kann. Ihr Weg macht zuversichtlich, Ihr Weg macht Hoffnung!

Europa ist heute das großartigste Friedenswerk der Menschheit. Gerade hier in Flossenbürg, gerade mit Blick auf unsere Vergangenheit wird uns das Glück unserer Gegenwart bewusst.

Unser gemeinsames Europa ist Garant für Freiheit, Frieden und Wohlstand für 500 Millionen Menschen.

Menschenrechte, Toleranz, Solidarität – das ist die europäische Idee. Das Wertebündnis Europa ist Vorbild für die ganze Welt.

Liebe Jugendliche,

Frieden und Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie bewahren, heißt diese Werte jeden Tag leben: bei dieser Gedenkstunde, bei Ihrem Jugendtreffen und überall, wo Sie zu Hause sind. Auf Sie kommt es an! Sie machen die Zukunft Europas! Sie sind die Botschafter der europäischen Idee! Europa braucht Sie – Ihre Werte, Ihre Visionen und Ihre Begeisterung. Bewahren Sie sich Ihr Feuer für Demokratie und Gerechtigkeit! Behalten Sie Ihr Herz offen und Ihren Blick wachsam – für unsere Freiheit und die Zukunft Europas!

Dietrich Bonhoeffer, der kurz vor Kriegsende hier im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet wurde, hat einmal gesagt:

„Es gibt Dinge, für die es sich lohnt, eine kompromisslose Haltung einzunehmen.“

Bonhoeffer und alle Opfer des Nationalsozialismus mahnen uns:

Wir alle müssen unsere Demokratie und unsere Freiheit schützen – in Deutschland und in Europa.

Wir alle sind verantwortlich: Menschenverachtende Ideologien, Fremdenhass und Rechtsextremismus dürfen in Deutschland nie mehr Fuß fassen. Wir weichen keinen Millimeter zurück, wir stehen zusammen gegen alle Feinde unserer Demokratie!

Begegnen wir einander friedlich und freundschaftlich, mit Respekt und Toleranz - für Frieden und Freiheit in unserem Land und in ganz Europa!