Inhalt
Rede
Rede des Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Günther Beckstein anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Erzwungene Wege – Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts“ im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München
Datum der Rede: 22.11.07 Rednerin/Redner: Dr. Günther Beckstein
Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort
Am letzten Sonntag, dem Volkstrauertag, haben wir vor allem der Gefallenen unseres Volkes in den beiden Weltkriegen gedacht. An keinem anderen Tag ist dieses würdige Gedenken so allgemein präsent wie an diesem zentralen Gedenktag. Gerade darin sehe ich eine wichtige Funktion eines solchen Gedenktages: Er hebt das Schicksal und das Leid einer ganzen Gruppe von Mitbürgerinnen und Mitbürgern in unser Bewusstsein. Für eine Nation sind Gedenktage wichtig - zur Erinnerung, zum Nachdenken über die Geschichte, zum Nachdenken über Leistung und Versagen.
Nach dem Krieg wurden über 12 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben. 2 Millionen kamen während und nach der Vertreibung ums Leben. Auch das war ein ungeheuerer Verlust für unser Volk! Gedenken wir als Nation überhaupt dieses furchtbaren Geschehens? Haben wir es verdrängt? Wenn nicht, in welcher Form, mit welcher Symbolik, in welchen Gedenkstätten erinnern wir uns? Fordert nicht auch das ungeheuere Leid der Vertreibung, fordern nicht die Toten einen gemeinsamen Gedenktag? Ich meine: Ja.
Die Tage der Heimat, die die Vertriebenenverbände ausrichten, können einen solchen allgemeinen, landeseinheitlichen Gedenktag nicht ersetzen. Deshalb setzt sich Bayern für einen Nationalen Gedenktag zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung ein.
Was wir aber in Deutschland auch brauchen, ist eine würdige Gedenkstätte, eine zentrale Einrichtung, die an die Opfer von Flucht und Vertreibung erinnert. Es gibt in Deutschland, in allen Bundesländern und in der Hauptstadt Berlin zu Recht viele Gedenkstätten, die an die NS-Diktatur, an ihre menschenverachtende Rassenideologie mit den Millionen Opfern erinnern. Sie mahnen uns an das "Nie wieder!" Es gibt aber keine zentrale Gedenkstätte für die Opfer von Flucht und Vertreibung, die auch mahnen soll: Nie wieder Vertreibung in Deutschland, in Europa, weltweit.
Es ist und bleibt das Verdienst der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen", dass sie die Errichtung eines solchen Erinnerungsortes mit Nachdruck verfolgt. Allen voran gilt mein Dank Frau Erika Steinbach und postum Peter Glotz.
Ihrer Hartnäckigkeit, Ihrer Zielstrebigkeit und Ihrem Durchsetzungsvermögen ist es zu verdanken, dass dieses Thema in die Öffentlichkeit getragen wurde. Sie haben sich durch Widerstände und Anfeindungen nicht von diesem Ziel abbringen lassen. Dafür herzlichen Dank.
Bayern hat das Engagement für einen solchen zentralen Erinnerungsort in Berlin von Anfang an unterstützt. Wir haben es immer wieder auf die politische Agenda gesetzt und auch gegen den Widerstand anderer Länder und der früheren Bundesregierung zur Sprache gebracht.
Ohne dieses ständige Drängen wären wir heute nicht kurz vor der Realisierung: Die Aufnahme des sichtbaren Zeichens in den Koalitionsvertrag der Großen Koalition war der erster Schritt. Inzwischen arbeitet das Bundeskanzleramt an einer Konzeption. Und die Bundeskanzlerin hat sich deutlich zum Zentrum gegen Vertreibungen bekannt. Jetzt können wir alle auf den nächsten Schritt hoffen - darauf, dass es bald sichtbar wird.
Ich betone aber dabei auch: Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Betroffenen, die Heimatvertriebenen bei der Konzeption einer solchen Erinnerungsstätte mit eingebunden werden. Diese Gedenkstätte wird nur dann ihr Ziel erreichen, wenn sie allgemein akzeptiert wird - insbesondere von den Betroffenen selbst.
Der ungarische Schriftsteller Peter Esterhazy sagte im Jahre 2004 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels: "Die Deutschen haben die eigenen Vergehen beim Namen genannt, die eigenen Leiden aber nicht."
So wird unsere Diskussion über ein sichtbares Zeichen, über die Erinnerung an das Schicksal und Leid unserer heimatvertriebenen Mitbürgerinnen und Mitbürger in den intellektuellen Kreisen in anderen Ländern wahrgenommen.
Ich meine: In Verantwortung vor der Geschichte einen solchen Erinnerungsortes zu gestalten, gehört zur Würde unseres Volkes.
Ein solches Gedenken hat nichts mit Geschichtsrevisionismus zu tun. Es hat nichts mit einer Umdeutung von Geschichte zu tun. Im Gegenteil: Ein solches Gedenken soll zu einem vorurteilsfreien Aufarbeiten der Geschichte anregen und damit zur Versöhnung beitragen.
Dies muss in einem geeinten Europa für jedes Land möglich sein. Wenn Europa sich als Wertegemeinschaft versteht, dann muss es die ganze Geschichte aufnehmen. Dann muss jedes Volk in Europa dem anderen das Recht zugestehen, sich seiner Opfer zu erinnern.
Papst Benedikt XVI. hat als Erzbischof von München-Freising bei einem Gottesdienst auf den Sudetendeutschen Tag einmal gesagt:
"Nur die Annahme der Wahrheit kann heilen."
Die Wahrheit anzunehmen, das gilt für jeden. Es gilt für uns, was den Nationalsozialismus und seine schrecklichen Untaten anbelangt - und das gilt für andere Nationen ebenso.
Annahme der Wahrheit fordert die Bereitschaft, sich mit den Geschehnissen von Flucht und Vertreibung der Deutschen zu beschäftigen.
Diese Bereitschaft haben vor wenigen Tagen die Ungarn erneut gezeigt. Auf der Gedenkkonferenz anlässlich der Vertreibung vor 60 Jahren hat die Präsidentin des ungarischen Parlaments, Katalin Szili, ausdrücklich die erzwungene Aussiedlung der Deutschen aus ihren angestammten Siedlungsgebieten in Ungarn bedauert. Sie sagte wörtlich: "Wir sagen im Namen unserer Vorgänger: Entschuldigung!" Das ist eine Haltung, die Vorbild sein sollte in Europa.
Wir in Bayern erinnern an das Schicksal der Vertreibung. Über 2 Millionen Heimatvertriebene fanden in Bayern Aufnahme. Sie wurden Teil unserer Geschichte. Sie haben ein Anrecht darauf, dass an ihre historischen, kulturellen, wissenschaftlichen und geistigen Leistungen erinnert wird, so wie wir an die Leistungen Frankens, Schwabens oder Altbayerns erinnern.
So haben wir beispielsweise mehrere Jahre lang eine eigene Wanderausstellung "In Bayern angekommen" im ganzen Land gezeigt. Sie informiert über das Schicksal der Vertriebenen und über ihre unersetzliche Leistung beim Wiederaufbau unseres Landes.
2007 haben wir unsere Landesausstellung unter das Motto "Bayern - Böhmen: 1500 Jahre Nachbarschaft" gestellt. Diese Ausstellung hat die engen Beziehungen zwischen Bayern und Böhmen im Überblick dargestellt und die Höhen wie auch die Tiefen dieses Verhältnisses gezeigt. Rund 90.000 Besucher haben die Präsentation gesehen, davon kamen rund 30.000 aus unserem Nachbarland Tschechien. Sie haben sich von der Ausstellung anregen lassen, haben darüber diskutiert. So kommt Dialog zustande, so wird Gespräch lebendig, Völkerverständigung Realität.
Ähnlich wirkt der Schülerwettbewerb "Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn", den Bayern regelmäßig durchführt. An ihm beteiligen sich rund 20.000 Schülerinnen und Schüler. Das stärkt Wissen und Kenntnisse über die Deutschen aus dem Osten und Südosten, über deren Kultur, Leistung und auch über deren Vertreibung.
Ich freue mich deshalb ganz besonders, dass wir heute die Ausstellung "Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts" hier in München präsentieren können.
Herzlichen Dank an die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen, die diese Wanderausstellung konzipiert hat. Herzlichen Dank ebenso an das Bayerische Hauptstaatsarchiv, an Sie, Herr Professor Rumschöttel, dafür, dass Sie die Ausstellung kurzfristig in das Veranstaltungsprogramm aufgenommen haben.
Diese Ausstellung zeigt das Schicksal der deutschen Vertriebenen. Aber sie hebt diese nicht singulär hervor und gewichtet nicht. Jede Vertreibung ist Unrecht - und jeder, der sie erleidet, erleidet Furchtbares. Welche Volksgruppe auch immer Ermordung und Vertreibung erdulden musste oder muss: ihr Leid zeugt von der Unmenschlichkeit, der Menschenverachtung, die Vertreibungen innewohnt.
Die Ausstellung macht das umfassende Vertreibungsschicksal in ganz Europa im 20. Jahrhundert gegenwärtig. Sie informiert, bleibt objektiv. Und doch gehen Bilder und Texte weit über eine bloße Dokumentation hinaus: den Besucher überkommt ein beklemmendes Gefühl angesichts von so viel Leid, Not und Tod. Diese Ausstellung ist eine ständige Mahnung. Sie fordert uns auf, solche Gräuel künftig nach Kräften zu verhindern und allen Ansätzen von Vertreibung von Anfang an entgegenzutreten.
Ich hoffe sehr, dass viele Besucher den Weg ins Hauptstaatsarchiv finden, vor allem aus der jüngeren Generation. Ihnen vor Augen zu halten, was im 20. Jahrhundert passierte, welches Leid Krieg, Rassismus, Antisemitismus und Vertreibung über die Menschen gebracht haben, ist eine ständige Aufgabe für uns alle.
Allzu leicht erscheint der heutigen Generation, die in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufgewachsen ist, das Leben in Gerechtigkeit und Recht eine Selbstverständlichkeit. Aber das ist es nicht. Auch jetzt, während ich hier rede, werden auf dieser Welt Menschen vertrieben, verlieren ihre Heimat und erleiden das, was wir in der Ausstellung an verschiedensten Beispielen auf Schmerzlichste sehen können. Um uns dies immer wieder vor Augen zu halten, brauchen wir Ausstellungen wie die heutige. Sie sind Orte der Erinnerung, Orte des Mahnens und Orte des Lernens.
Ich wünsche Ihnen allen einen interessanten Durchgang durch die Ausstellung und der Ausstellung zahlreiche Besucher und große Wirkung.