Rede

Rede des Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Günther Beckstein anlässlich der Beerdigung von Staatsministerin a. D. Mathilde Berghofer-Weichner am 6. Juni 2008 in Stockdorf

Datum der Rede: 06.06.08 Rednerin/Redner: Dr. Günther Beckstein

Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort.

Wir sind zusammen gekommen, um Abschied zu nehmen von Staatsministerin a.D. Mathilde Berghofer-Weichner.

Wir nehmen Abschied von einer großen und starken Persönlichkeit, die bayerische Politik geprägt hat, wie kaum eine zweite. Mathilde Berghofer-Weichner war auch in schwierigen Zeiten geradlinig, konsequent und überzeugend. Sie hat Maßstäbe gesetzt - persönlich und für unser Land.

Mathilde Berghofer-Weichner war die erste Frau in einem Bayerischen Kabinett, zunächst seit 1974 als Staatssekretärin im Bayerischen Kultusministerium, von 1986 bis 1993 als Justizministerin.

Insgesamt war sie 19 Jahre Mitglied des Kabinetts. Ab 1988 war sie Stellvertreterin des Bayerischen Ministerpräsidenten.

An der Seite von Prof. Hans Maier hat sie in den 12 Jahren im Kultusministerium starke und bleibende Akzente in der Bildungs- und Kulturpolitik gesetzt. Es waren Jahre der ideologischen Auseinandersetzungen in der Bildungspolitik. Es ging nicht nur um Gesamtschule versus gegliedertes Schulsystem. Es ging um das Menschenbild und die Werte unserer Gesellschaft.

Hans Maier und Frau Berghofer-Weichner haben standgehalten, sie haben den Wert der Persönlichkeitsbildung von Verstand und Herz gegen alle Angriffe verteidigt. Wir haben es auch Mathilde Berghofer-Weichner zu verdanken, dass unser bayerisches Bildungssystem zu den besten in Deutschland und Europa zählt. In den harten bildungspolitischen Auseinandersetzungen der 70-er und frühen 80-er Jahre hat sie ihre Standfestigkeit, ihre Beharrlichkeit, ihr Bewusstsein für Wertorientierung, Qualität und Güte gezeigt.

Ich hatte das Glück, fünf Jahre im Kabinett neben dieser wunderbaren Frau zu sitzen. Diese Zeit war lehrreich und prägend für mich. Mathilde Berghofer-Weichner hat mich beeindruckt durch ihre Kompetenz, ihre Geradlinigkeit, ihre Courage und ihre Offenheit. Ihre Stimme wurde vernommen, ihre Argumente fanden Gehör. In der Sache argumentierte sie hart, im persönlichen Umgang schätzte jeder ihre mitfühlende Art und ihre Menschlichkeit.

Mathilde Berghofer-Weichner war Staatsministerin der Justiz mit Leib und Seele. Juristin aus voller Überzeugung, steuerte sie das Schiff „bayerische Justiz" souverän, auch in schwierigen, turbulenten Zeiten.

In ihre Amtszeit fiel die Wiedervereinigung. Die Aufbauhilfe für die neuen Bundesländer war ihr ein Herzensanliegen. Sie handelte immer aus dem tiefen Verständnis heraus, dass ein Leben in Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit nur in einem starken Rechtsstaat möglich ist.

Ich erinnere auch an die Zeiten der Bedrohung des Rechtsstaates durch terroristische Aktivitäten, an die letzten Hungerstreiks der RAF. Ohne Rücksicht auf die eigene Person, mit großem Mut und großer Entschlossenheit blieb Mathilde Berghofer-Weichner standhaft. Sie war die erste, die ihre Stimme erhob. Sie war es, die betonte, dass sich der Rechtsstaat niemals beugen lässt. Sie war die „Eiserne Lady", erwarb sich dadurch bundesweit Achtung und Anerkennung und setzte so Maßstäbe für die innere Sicherheit in Bayern und im Bund.

Mathilde Berghofer-Weichner war eine mutige Frau. Schon früh engagierte sie sich in der Politik. Angesichts des Ansturms innerweltlicher Heilslehren, angesichts des Anwachsens geistiger und seelischer Verwirrungen, eines Werterelativismus und zugleich anschwellender Zukunftsängste, hat Mathilde Berghofer-Weichner die Werte unserer freiheitlichen Grundordnung als Vorbild vorgelebt, frei von Ängsten, frei und mutig im Dienst am Land und in der Verantwortung für den Nächsten, frei und mutig im Handeln für die Gemeinschaft.

Sie handelte aus der Kraft einer festen Überzeugung und eines tiefen Glaubens. Sie war eine Autorität nicht qua Amt, sondern aus ihrer Persönlichkeit heraus. Sie hat geistige und werthafte Orientierung vorgelebt. Wer sie gewinnen wollte, musste sie überzeugen. Und für ihre Überzeugung trat sie ein - sehr eigenständig und unverwechselbar. Das konnte man am Kabinettstisch ebenso erleben wie in juristischen Auseinandersetzungen.

Mathilde Berghofer-Weichner war eine beeindruckende Persönlichkeit mit einem großen sozialen Herz für die Schwächeren. Sie hat ein Leben lang gegen Gleichgültigkeit und Beliebigkeit gekämpft. „Gleiches Recht für alle", das war für sie oberste Leitlinie in unserem Rechtsstaat, der soziale Stabilität und inneren Frieden sichert. Gerade in ihren Jahren nach dem Ausscheiden aus der Landespolitik engagierte sie sich mit großem Elan für soziale Belange und insbesondere für Frauen in schwierigen Situationen.

Mathilde Berghofer-Weichner - „die Weichnerin", wie sie viele Weggefährten der ersten politischen Stunde mit großer Anerkennung nannten - war eine Frau, die Pionierarbeit geleistet hat in Politik und Gesellschaft.

Sie bewegte und behauptete sich ganz selbstverständlich in einer Welt, die zu ihrer Zeit noch überwiegend männlich dominiert war. Sie bestach durch ihre Kompetenz, durch ihre Persönlichkeit - und durch ihren Charme. Mathilde Berghofer-Weichner hat den Frauen Wege geebnet und Türen geöffnet für die Zukunft. Sie ist bis heute Vorbild für viele Frauen in Bayern und Deutschland.

Mathilde Berghofer-Weichner hinterlässt eine Lücke, die nur schwer zu schließen ist. Ihre Persönlichkeit und ihre politische Kraft werden uns fehlen.

Tief verwurzelt war Mathilde Berghofer-Weichner im katholischen Glauben. Der Glaube prägte sie, er trug sie durchs ganze Leben, bis zuletzt. In der Gewissheit und im Trost dieses Glaubens ist sie von uns gegangen.

Als Ministerpräsident verneige ich mich in Dankbarkeit und Anerkennung für all das, was Mathilde Berghofer-Weichner für Bayern und unser Gemeinwesen geleistet hat. Sie hat Bayern als Land der Werte vorangebracht. Sie hat das Gesicht des modernen Bayern mitgeprägt.

Mathilde Berghofer-Weichner war eine große bayerische Patriotin, eine mutige Politikerin und eine starke Frau.

Ihnen, Herr Dr. Berghofer, und den Angehörigen wünsche ich Trost und viel Kraft, um über diesen schweren Verlust hinwegzukommen.

Wir werden Mathilde Berghofer-Weichner stets ein ehrendes Andenken bewahren!