Rede

Rede des Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Günther Beckstein anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Die Ottheinrich-Bibel“ am Mittwoch, dem 9. Juli 2008, um 11.00 Uhr in der Bayerischen Staatsbibliothek in München

Datum der Rede: 09.07.08 Rednerin/Redner: Dr. Günther Beckstein

Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort.


- Anrede -

Ich bedanke mich sehr herzlich für den freundlichen Empfang - es ist ein Empfang in einem wunderbaren Haus und zu einem wunderbaren Anlass. Ihnen allen ein herzliches Grüß Gott!

Die Ottheinrich-Bibel begeistert: Sie ist ein herausragendes Zeugnis bayerischer und deutscher Kulturgeschichte, ein Kulturgut von unschätzbarem Wert, ein echter Schatz in der Schatzkammer der Bayerischen Staatsbibliothek. Dass wir heute, im Jubiläumsjahr der Staatsbibliothek und nach dem erfolgreichen Erwerb der fehlenden Bände, erstmals die komplette Handschrift ausstellen können, das ist ein glückliches Ereignis für den Kulturstaat Bayern und eine tiefe Freude für mich ganz persönlich.

Der Wiedervereinigung aller acht Bände der Ottheinrich-Bibel ist das Happy End jener Odyssee, die Herr Dr. Griebel bereits erwähnt hat. Fast hat man den Eindruck, als wäre das Wandern schon immer die ganz besondere Lust dieses Codex gewesen! Seine Wanderschaft begann schon bald nach seiner Entstehung:

• Nachdem Ludwig VII. der Bärtige von Bayern-Ingolstadt die kostbare Handschrift in Auftrag gegeben hatte, gelangte sie in den Besitz Ottheinrichs, der sie mit den prachtvollen Illustrationen versehen und nach Heidelberg verbringen ließ. 1640 wurde das herzogliche Haus zu Sachsen-Coburg und Gotha neuer Besitzer des Codex.

• Schon die Zerlegung in acht Bände im vorletzten Jahrhundert brachte die Gefahr mit sich, dass das einzigartige Stück in seinen Einzelteilen in der ganzen Welt verstreut wird. Immerhin gelang der Bayerischen Staatsbibliothek 1950 der Ankauf der Bände 1, 2 und 7 - damals, wenige Jahre nach dem Krieg, ein finanzieller Kraftakt.

• Ende 2007 kam es zum letzten und bisher dramatischsten Akt in der Geschichte der Ottheinrich-Bibel, der fast ihren endgültigen Verlust mit sich gebracht hätte: Die fünf fehlenden Bände waren außer Landes und sollten tatsächlich bei Sotheby's unter den Hammer. Doch wie so häufig im Drama, kam es auch hier in allerletzter Minute zur Peripetie und es gelang, die Bände aus dem Versteigerungsangebot herauszunehmen und sie für den Freistaat Bayern zu erwerben. Die Freude war groß, als das Meisterwerk zu Beginn dieses Jahres der Öffentlichkeit vorgestellt und den Menschen in Bayern gewissermaßen „zurückgegeben" werden konnte.

Wenn wir heute, nach dieser dramatischen Geschichte, eine Ausstellung eröffnen, die die Ottheinrich-Bibel in ihrer ganzen Pracht zeigt, dann ist das auch ein symbolischer Akt: Es ist das Zeichen dafür, dass die Bibel angekommen ist. Sie ist dort angekommen, wo sie hingehört - in ihrer bayerischen Heimat, im Stammland der Wittelsbacher.

Wir sind heilfroh, dass alles gut gegangen ist. Wir ziehen aber auch unsere Lehren aus dem Geschehenen, um in Zukunft frühzeitiger agieren und dadurch ganz nebenbei auch unsere Nerven besser schonen zu können. Der Bayerische Ministerrat ist schon tätig geworden:

• Nach geltendem Recht setzt der Schutz von nationalem Kulturgut vor Ausfuhr oder Verbringung eine Eintragung in das Verzeichnis national wertvollen Kulturguts voraus. Zwar liegt Bayern bei den Eintragungen in die Kulturgutliste an der Spitze. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass die Behörden erst dann überhaupt Kenntnis von den Stücken erfahren, wenn diese bereits im Ausland sind.

• Um das zu vermeiden, müssen wir einen Systemwechsel erreichen und das gängige Listenprinzip ergänzen. Viel schlagkräftiger ist die Vorerfassung von Kulturgut. Werden Kulturgüter bei dem Verfahren als national wertvoll eingestuft, so wollen wir ein Vorkaufsrecht haben. Solche Kulturgüter sollen nach Möglichkeit im Land bleiben.

Auf diese Art und Weise schließen wir die Lücken, die durch das bisherige Listensystem bestehen. Bayern wird einen entsprechenden Vorschlag zur Änderung des Gesetzes zum Schutz deutschen Kulturguts gegen Abwanderung für den Bundesrat erarbeiten. Das macht wieder einmal deutlich: Wenn es um die Wahrung unseres Kulturerbes geht, ist Bayern als herausragendes Kulturland der beste Wächter, den man sich wünschen kann!

Im Falle der Ottheinrich-Bibel hat es viele weitere Wächter gegeben, die in den unterschiedlichsten Rollen und Funktionen den endgültigen Verlust verhindert haben. Herr Dr. Griebel hat diesen Wächtern bereits ausführlich gedankt. Diesem Dank schließe ich mich an.

• Der Ankauf war möglich geworden, weil sich in kürzester Zeit eine Allianz aus Land, Bund, verschiedenen Stiftungen und Geldgebern zusammengefunden hat, die in ebenso kurzer Zeit das schwierige Projekt der Finanzierung auf die Beine stellte.

• Der Ankauf war möglich geworden, weil zur finanziellen Unterstützung auch die notwendige fachliche Unterstützung in der Gestalt der Kulturstiftung der Länder und der Bayerischen Staatsbibliothek kam.

• Und der Ankauf war möglich geworden, weil alle Beteiligten in einer phantastischen Solidaraktion den absoluten Willen zur Rettung der Ottheinrich-Bibel an den Tag gelegt und dadurch gezeigt haben: Wir dulden es nicht, dass dieses außergewöhnliche Kulturdenkmal außer Landes geht! Wir dulden es nicht, dass es in alle Himmelsrichtungen zerstreut wird! Wir wollen es ein für alle Mal für die Bayerische Staatsbibliothek, für Bayern, für Deutschland gewinnen!

Allen, die sich für dieses Ziel eingesetzt und dazu beigetragen haben, dass es erreicht wird, meinen tiefen Respekt und meinen herzlichen Dank! Sie haben gezeigt, dass es in Bayern eine Gesellschaft gibt, der ihre eigenen Kulturzeugnisse am Herzen liegen, die sich aktiv selbst um den Erhalt des Kulturstaates Bayern bemüht!

Für die Bayerische Staatsbibliothek fällt die Heimkehr der Ottheinrich-Bibel in eine Phase voller glänzender Höhepunkte, zu dem sich vor wenigen Wochen ein neuer Erfolg gesellt hat: Pünktlich zu ihrem Jubiläumsjahr erhält die Staatsbibliothek den einzigen Bibliothekspreis, der in Deutschland zu vergeben ist, den „Preis der Bibliothek des Jahres 2008". Dazu gratuliere ich!

Durch diesen Preis wird auch von der Seite des Deutschen Bibliotheksverbandes gewürdigt, wie hervorragend die Bayerische Staatsbibliothek ihre auf den verschiedensten Gebieten liegenden Mammutaufgaben erfüllt:

• Als Ort der Bewahrung birgt sie kulturelle Schätze von unermesslichem Wert. Mit 90.000 Handschriften, von denen mehrere zum Weltkulturerbe der UNESCO zählen, rangiert sie unter den fünf größten Handschriftenbibliotheken der Welt.

• Als Ort der Forschung und des Wissens genießt sie vom einfachen Studenten bis hin zum Spezialwissenschaftler beste Reputation. Mit einem Bestand von rund 10 Millionen Büchern und 50.000 laufenden Zeitschriften gehört sie zu den großen Wissenszentren weltweit.

• Sogar als Ort der Innovation geht die Bayerische Staatsbibliothek mit schnellen und mitunter auch mutigen Schritten voran. Sie gestaltet den Übergang zur netzbasierten Wissens- und Informationsgesellschaft federführend mit: Sie verfügt über die leistungsfähigste Scancomputeranlage der Welt für historische Literaturbestände und über den größten digitalisierten Bestand aller Bibliotheken in Deutschland. Durch die Kooperation mit Google wird es gelingen, rund 1,2 Millionen urheberrechtsfreie Bücher im Internet zugänglich zu machen.

Die Bayerische Staatsbibliothek ist eine der bedeutendsten europäischen Universalbibliotheken und genießt zu Recht einen ausgezeichneten Ruf in Deutschland und in der Welt. Sie ist, was den eminent schwierigen Spagat zwischen Tradition und Moderne angeht, auf einem vorbildlichen Weg.

Sehr geehrter Herr Dr. Griebel, seien Sie unabhängig von dem schönen, zu Versprechungen geradezu verführenden Rahmen dieser Veranstaltung und unabhängig von meiner persönlichen Freude über die Ottheinrich-Bibel an dieser Stelle versichert: Die Bayerische Staatsregierung ist auf diesem Weg ein verlässlicher Partner für Ihr Haus!

Im Artikel 3 unserer Verfassung steht geschrieben: Bayern ist ein Kulturstaat.

• Zu diesem Kulturstaat gehören weltweit bekannte Museen und Sammlungen.

• Zu diesem Kulturstaat gehören Musikveranstaltungen und Orchester ersten Ranges.

• Zu diesem Kulturstaat gehört ein vielfältiges und in höchstem Maße qualitätvolles Theaterleben.

• Und zu diesem Kulturstaat gehört an vorderster Stelle auch die Bayerische Staatsbibliothek.

Ich bin stolz, wir können alle stolz sein auf dieses „bibliophile Flaggschiff" Bayerns!

Und ich freue mich, dass die Ottheinrich-Bibel jetzt nach langer Wanderschaft hier ihre Heimat gefunden hat, Heimat für immer.

Hiermit erkläre ich die Ausstellung für eröffnet.