Rede

Rede des Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Günther Beckstein anlässlich der Unterzeichnung des Änderungsvertrags zum Staatsvertrag mit dem Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern am Freitag, dem 24. Oktober 2008

Datum der Rede: 24.10.08 Rednerin/Redner: Dr. Günther Beckstein

Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort

 

- Anrede -

 

Das Jahr 2008 ist ein Jahr, das uns mehrfach an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte erinnert:

 

  • Am 22. März vor 75 Jahren war das Konzentrationslager Dachau errichtet worden: Dachau und die anderen Konzentrationslager wurden zu Orten des Schreckens, der Erniedrigung, des Todes.
  • Am 1. April 1933 fand der reichsweite Boykott gegen die jüdischen Geschäfte, Arztpraxen oder Rechtsanwaltskanzleien im Lande statt.
  • Und in gut zwei Wochen ist es 70 Jahre her, dass Joseph Goebbels von München aus die Reichspogromnacht initiierte. Synagogen in ganz Deutschland gingen in Flammen auf, jüdischer Besitz wurde geplündert, Juden wurden verhaftet und ermordet.

Anderseits jährt sich 2008 auch ein erfreuliches Ereignis in der jüdischen Geschichte: Der 14. Mai war der 60. Geburtstag des Staates Israel. David Ben Gurion, der an diesem Tag im Jahre 1948 die israelische Unabhängigkeitserklärung verlas, prägte damals den schönen Ausspruch: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

 

 Dieser Ausspruch gilt nicht nur für die Schaffung eines eigenen jüdischen Staates. Er steht auch für die Entwicklung, die jüdisches Leben in Bayern in den letzten Jahren genommen hat:

 

  • Die jüdischen Gemeinden sind durch den Zuzug von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion stark gewachsen.
  • Sie sind mit den neuen Gemeindezentren, insbesondere den Zentren in Würzburg und München, wieder in größerem Umfang in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. 
  • Und sie sind mit der Betreuung der neuen Gemeindemitglieder, der Pflege einer immer lebendiger werdenden Gemeindekultur und der jüdischen Kultur insgesamt sowie den Anforderungen einer umfangreichen Öffentlichkeitsarbeit im positiven Sinne rund um die Uhr beschäftigt.

Das ist eine Entwicklung, wie sie besser nicht sein könnte. Sie trägt dazu bei, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder zu der Selbstverständlichkeit wird, die es sein sollte. Um Ihr berühmtes Bild aufzunehmen, verehrte Frau Knobloch: Sie trägt dazu bei, dass viele Koffer ein für alle mal ausgepackt bleiben – und vielleicht sogar endgültig im Keller verstaut werden.

 

Heute ist jüdisches Leben wieder ein integraler Bestandteil des kulturellen Lebens in Bayern und Deutschland – ein Befund, der das Diktum David Ben Gurions nur einmal mehr bestätigt: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

 

Die Israelitischen Kultusgemeinden können die vielen Aufgaben, vor denen sie stehen und die immer umfangreicher werden, freilich nicht mehr alleine bewältigen. Es ist daher angemessen und notwendig, dass der Staat seine Leistungen den Veränderungen anpasst. Der Änderungsvertrag zum 1997 abgeschlossenen Staatsvertrag zwischen der Bayerischen Staatsregierung und dem Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, den wir heute unterzeichnen, nimmt diese Anpassungen vor, so wie es bereits beim Änderungsvertrag von 2003 der Fall war. Er gibt den jüdischen Gemeinden in Bayern Planungssicherheit für viele Jahre und stellt eine stabile Grundlage für ihre Weiterentwicklung dar.

 

Bei den Verhandlungen zu diesem Änderungsvertrag ist wieder einmal deutlich geworden, auf welch gutem und freundschaftlichem Fundament die Beziehungen zwischen der Bayerischen Staatsregierung und allen jüdischen Gemeinden ruhen.

 

Mein Wunsch für die Zukunft ist: Stärken wir dieses Fundament weiter, so sehr wir können. Auf diesem Fundament ist der vorliegende Vertrag entstanden. Dieses Fundament macht es auch dem Realisten möglich, an Wunder zu glauben.

 

Verehrter Herr Dr. Schuster, ich darf Sie nun bitten, den Änderungsvertrag mit mir gemeinsam zu unterzeichnen!