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Rede
Neujahrsempfang der Erzdiözese München und Freising
Datum der Rede: 22.01.10 Rednerin/Redner: Ministerpräsident Horst SeehoferManuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort
- Anrede -
Wenn ich in die Runde schaue, kann ich nur staunen: Hochkarätiger fällt auch der Neujahrsempfang des Bayerischen Ministerpräsidenten nicht aus.
Am Jahresbeginn zusammenzukommen und gemeinsam auf das vor uns liegende Jahr zu blicken, empfinde ich als eine gute, eine schöne Tradition. Viel zu oft beherrscht der Blick zurück unser Denken. Dabei ist es wichtig, nach vorne zu schauen, gerade auch Krisenzeiten gemeinsam zu meistern und die Zukunft bewusst miteinander zu gestalten.
Der Heilige Vater hat zu seiner Amtseinführung, die sich dieses Jahr im April zum 5. Mal jährt, gesagt:
„Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung. Sie trägt die Zukunft der Welt in sich und zeigt daher auch jedem einzelnen den Weg in die Zukunft."
Von Bayern geht in diesem Jahr ein besonderes Zukunftszeichen aus. Wir dürfen vom 12. - 16. Mai 2010 hier in München den 2. Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) feiern. Ich freue mich sehr, dass die beiden Präsidenten des ÖKT, Alois Glück und Prof. Eckhard Nagel sowie der katholische Vorsitzende des Trägervereins Werner-Hans Böhm, heute unter uns sind. Ihnen sage ich ein herzliches Vergelt's Gott - auch stellvertretend für die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die zig Tausend freiwilligen helfenden Hände, die den Ökumenischen Kirchentag zu einem spirituellen Gemeinschaftserlebnis für Jung und Alt werden lassen. Ich selbst freue mich sehr auf dieses Ereignis und verspreche Ihnen, dass sich die Bayerische Staatsregierung nicht nur finanziell (5 Mio. €) beteiligt, sondern dass die Kabinettsmitglieder auch tatkräftig am ÖKT teilnehmen und mitwirken werden.
„Damit ihr Hoffnung habt" - dieses Leitwort des Ökumenischen Kirchentages ist ein Signal der Ermutigung für die Menschen in unserem Land.
Wie wichtig es ist, die Hoffnung nicht aufzugeben, sehen wir in diesen Tagen, wenn wir nach Haiti blicken. Die schrecklichen Erdbeben in der letzten Woche und bei dem Nachbeben vorgestern haben unvorstellbare Zerstörung angerichtet. Mehr als hunderttausend Menschen haben ihr Leben verloren. Und doch gab es immer wieder Hoffnungszeichen, weil Menschen nach einer Woche noch lebend unter den Trümmern geborgen wurden.
Hoffnung spenden auch die zahlreichen freiwilligen Helferinnen und Helfer, die sich sofort in das Krisengebiet aufgemacht haben und unter Einsatz ihres eigenen Lebens Leben retten. Ich spreche diesen Menschen, unter denen auch zahlreiche Bayern sind, meine große Hochachtung aus. Menschen in Not so selbstlos Hilfe zu leisten, das ist gelebte Nächstenliebe.
Die Bundesregierung hat die Soforthilfen für Haiti auf 10 Mio. € aufgestockt. Die Erzdiözese München und Freising stellt 100.000 Euro Soforthilfe für die Not leidenden Menschen in Haiti zur Verfügung. Und ich habe gehört, verehrter Herr Erzbischof, dass Sie für den kommenden Sonntag zu einer Sonderkollekte für Haiti aufgerufen haben. Diese Katastrophe braucht unsere Hilfe und Solidarität.
Menschen, die in den großen Hilfsorganisationen wie beispielsweise der Caritas ihren Dienst tun, tun weit mehr als ihre Pflicht. Sie setzen mit ihrer Hilfe Hoffnungszeichen und übernehmen Verantwortung für die Gestaltung unserer Gesellschaft und die Gestaltung unserer Zukunft.
Verantwortung für die Gestaltung unserer Gesellschaft zu übernehmen, Veränderungsprozesse aktiv und konstruktiv mitzutragen, diese Fähigkeiten und Tugenden brauchen wir mehr denn je. Die Kraft zur Erneuerung liegt in den Menschen selbst. Die Tatkraft unserer Bürgerinnen und Bürger, ihr Engagement und ihre Einsatzbereitschaft sind der Schlüssel für Aufbruch und Erneuerung.
Die Regierungskoalition hat vergangenen Sonntag ein Jahrzehnt der politischen Erneuerung für Deutschland ausgerufen. Gemeinsam mit den einsatzbereiten Bürgerinnen und Bürgern in unserem Land wird diese Erneuerung auch gelingen.
Auch in Bayern wollen wir einen Aufbruch schaffen. Die Schwerpunkte liegen dabei auf Familie, Bildung und Innovationen. Familie und Bildung sind für junge Menschen die wichtigsten Voraussetzungen für einen guten Start ins Leben. Die Familie gibt Halt und Geborgenheit. Gerade in der Familie erwächst bei jungen Menschen Selbst- und Sozialkompetenz. Und hier wird auch die Grundlage für den Glauben gelegt. Denn der Glaube - das ist meine ganz persönliche Erfahrung - ist eine wirkmächtige, unverzichtbare Kraft für die Gestaltung des eigenen Lebens.
„Dem Glauben Zukunft geben" - das ist Ihr erklärtes Ziel, hochverehrter Herr Erzbischof, auch und gerade in einer sich verändernden Welt. Mit diesem breit angelegten, auf Dialog ausgerichteten Projekt strukturieren Sie die Seelsorge in Ihrer Diözese um und verknüpfen damit eine geistliche Neuorientierung.
Papst Benedikt XVI. sagte schon vor Jahren:
„Wir (können) die Zunahme der Säkularisierung, des Relativismus, ja sogar des Nihilismus vor allem in der westlichen Welt nicht ignorieren. All das erfordert eine erneuerte und machtvolle Verkündigung des Evangeliums."
Veränderungen anzugehen, Neues zu wagen und auch den notwendigen Generationenwechsel aktiv zu gestalten - das ist nicht leicht. Da spreche ich aus eigener Erfahrung. Da weht einem schon mal ein rauer Wind um die Nase. Man braucht ein dickes Fell und einen langen Atem. Trotzdem sind solche Veränderungen in einer sich verändernden Welt unverzichtbar.
Ich freue mich und bin Ihnen dankbar, verehrter Herr Erzbischof, dass Sie den Aufbruch in unserer Gesellschaft aktiv mitgestalten. Ob es in unserer Kommission „Zukunft Soziale Marktwirtschaft" war oder mit Ihrem Buch „Das Kapital", das sehr große Beachtung gefunden hat. Unser Land braucht starke Stimmen, die sich - auch kritisch, aber immer konstruktiv - einbringen und unsere Zukunft mitgestalten. Lassen Sie uns auch in diesem Jahr weiterhin einen regen Austausch pflegen.
Herzlichen Dank nochmals für die Einladung zum Neujahrsempfang!
Ich freue mich sehr auf die anschließenden Gespräche mit Ihnen allen.