Inhalt
Rede
Landfrauentag in Landsberg
Datum der Rede: 02.02.10 Rednerin/Redner: Staatsministerin Emilia MüllerManuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort
- Anrede -
Wer wie ich das Glück hat, zum Landfrauentag des Kreisverbandes Landsberg eingeladen zu sein, der darf sich auf einen dreifachen Genuss freuen:
- auf einen kulinarischen, was die hervorragende Versorgung mit Kaffee und Kuchen anbelangt,
- auf einen musikalischen, wenn man das ausgesprochen hohe Niveau betrachtet, auf dem die Landfrauen für die Umrahmung mit Musik sorgen - meinen besonderen Dank dafür an den Landfrauenchor! -,
- und auf einen intellektuellen, weil dieser Tag bestimmt sehr kritische, sicherlich kontroverse, aber immer auch kluge Gespräche mit klugen Frauen verspricht.
Ich bin daher - Sie merken es schon - ausgesprochen gerne heute zu Ihnen nach Landsberg gekommen. Und ich bedanke mich für Ihre Einladung, liebe Frau Behl, den heutigen Festvortrag zu bestreiten.
Ihnen allen ein herzliches Grüß Gott und späte, aber deswegen nicht minder herzliche Wünsche für ein gutes, gesundes und erfolgreiches Neues Jahr!
I. Zum Thema „Ohne Frauen kein Land"
Die schöne Gestaltung dieses Tages durch Sie, meine Damen, genieße ich und genießen wir alle. Sie ist aber natürlich nicht der Hauptgrund, warum ich heute hier bin.
Es geht mir vor allem um ein Thema, das mir wie kein zweites am Herzen liegt. Ein Thema, das völlig zu Recht nicht als Frage gestellt ist, sondern als eine unbestreitbare Aussage dasteht. Ein Thema, das die Bedeutung der Leistung von Frauen wie Ihnen für diese Gesellschaft auf den Punkt bringt: Es ist dies das Thema „Ohne Frauen kein Land".
„Ohne Frauen kein Land" - Was aber ist eigentlich genau gemeint mit „Land"? Wer sich diesem Begriff nähert, der stellt bald fest, wie vieldeutig er ist, gerade auch im Zusammenhang mit der Leistung der Landfrauen in Bayern.
„Land" bedeutet vor allem Heimat. Heimat ist etwas, was jeder Mensch braucht. Im Rahmen einer Studie der Hanns-Seidel-Stiftung haben 80% der Befragten angegeben, dass sie die Heimat brauchen zum Glücklichsein.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht - aber bei mir ist das ganz genau so. Aufgrund meiner Aufgaben als Politikerin und Europaministerin habe ich in drei Städten eine Wohnung: eine in München, eine in Berlin und eine in Brüssel. Alle drei habe ich gemütlich eingerichtet, in allen dreien fühle ich mich durchaus wohl. Aber so richtig, so ganz und gar uneingeschränkt wohl fühle ich mich nur in Bruck, in der Oberpfalz.
Hier ist meine Familie. Hier sind die Leute, die mir seit Jahrzehnten vertraut sind und die mich umgekehrt schon ewig kennen. Hier habe ich meine Freunde, kenne jede Ecke und jeden Stein. Hier bin ich einfach daheim.
Dieses Sich-Daheim-Fühlen ist ein großes Geschenk. Es ist ein Geschenk, das allem gesellschaftlichen Wandel zum Trotz auch im 21. Jahrhundert von seinem Wert nichts verlieren wird. Ich sage sogar das Gegenteil voraus: Die Zunahme von Migration und der Anstieg an unsere berufliche Flexibilität im Zuge der Globalisierung werden Heimat nicht weniger bedeutsam, sondern immer bedeutsamer für den Menschen machen. Heimat ist Anker, ist Schutzraum und gibt Geborgenheit. Heimat ist ein großes Glück.
Es ist wichtig, dass wir uns dieses Glück bewahren und unseren Lebensraum pflegen und attraktiv halten. Das erfordert zwar eine Menge an Arbeit, viel Kreativität und Gestaltungswillen und vor allem auch jene Liebe zur Heimat, wie wir alle sie empfinden. Aber dieser Einsatz, er lohnt sich. Und gerade die Landfrauen sind schon immer ganz vorne mit dabei, wenn es um das Erhalten und Gestalten der eigenen Heimat geht:
- Sie sind es, die Haus, Hof und Heimat so herrichten und beisammen halten, dass es eine wahre Augenweide ist.
- Sie sind es, die Jahr für Jahr Tausende und Abertausende Gärten in Bayern zum Blühen bringen.
- Und sie sind es, die sich bei Fragen der Dorferneuerung und der Dorfverschönerung mit einer ausgezeichneten Mischung aus Stilsicherheit und Durchsetzungsvermögen erfolgreicher als so manche Männer einbringen.
Ich danke Ihnen allen sehr für den großartigen Einsatz, den Sie täglich für Ihre Heimat leisten. Stellen Sie sich vor, es gäbe diesen Einsatz nicht, und Sie kommen bei dieser Vorstellung sehr schnell wieder auf die Einsicht einer wohl bekannten Formel: der Formel „Ohne Frauen kein Land".
Der Begriff „Land" steht aber nicht nur für die als Blickfang gestaltete Heimat, sondern auch für die Heimat im sozialen Sinne.
Die Landfrauen sind für das Funktionieren des sozialen Netzes im dörflichen und ländlichen Lebensraum unverzichtbar. Sie bringen sich ein mit ihrem ganzen Einfühlungsvermögen, mit ihrem Wissen und mit ihrer Erfahrung:
- Sie sind da, wenn es Nachbarschaftshilfe zu leisten gilt - schnell, zuverlässig und ohne Wenn und Aber. Durch nichts entsteht mehr Vertrauen und mehr Gegenseitigkeit als durch die verlässliche, selbstverständliche Hilfe von nebenan.
- Sie sind ehrenamtlich im Verein vor Ort tätig, in der Kirche, im Chor, in der Kommunalpolitik. Schätzungen gehen davon aus, dass deutlich mehr als ein Drittel aller bayerischen Bürgerinnen und Bürger - fast vier Millionen Menschen! - ehrenamtlich aktiv ist und jeden Monat sage und schreibe rund 75 Millionen Stunden für die Allgemeinheit leistet.
Das könnte der Staat niemals selbst stemmen. Für die ländlich geprägten Gegenden ist die Arbeit im Ehrenamt unverzichtbar, und besonders die Landfrauen sind hier ungemein stark vertreten. Die ehrenamtliche Arbeit, die Sie leisten, meine Damen, macht unsere Dörfer bunt, lebenswert und vielfältig!
- Und schließlich: Sie helfen mit, wenn ein Fest oder ein Umzug organisiert oder wenn altes Brauchtum gefeiert wird. Denken Sie nur an die zahlreichen Faschingsveranstaltungen, die es derzeit landauf, landab gibt, oder an die vielen historischen Umzüge und Feste wie beispielsweise das Ruethenfest hier in Landsberg.
Diese Veranstaltungen organisieren sich ja nicht von selbst. Sie werden von Freiwilligen von langer Hand geplant, aufwendig vorbereitet und dann zusätzlich zur eigenen Arbeit durchgeführt. Man fiebert gemeinsam auf die Veranstaltung hin und freut sich auch gemeinsam, wenn wieder einmal alles geklappt hat. Das schafft Verbundenheit miteinander, viel mehr auf dem Land als in der Stadt. Und es schafft immer ein neues Stückchen mehr an Heimat und Heimatgefühl. Auch hier zeigt sich einmal mehr, meine Damen: „Ohne Frauen kein Land!"
II. Herausforderungen für den ländlichen Raum
Oder, positiv formuliert: „Starkes Land durch starke Landfrauen!" - Denn ich bin in der Tat der festen Überzeugung, dass gerade die Landfrauen den Herausforderungen gewachsen sind, die sich dem ländlichen Raum stellen.
Diese Herausforderungen bestehen vor allem in einem längst begonnenen demographischen Wandel.
Je besser es künftig einer ländlichen Region gelingt, für junge Menschen und besonders auch für junge Frauen ein attraktiver Arbeits- und Lebensraum zu sein, desto besser ist diese Region für die Zukunft gerüstet. Ein Schwerpunkt - und auch mein Arbeitsschwerpunkt als Europaministerin - ist daher nach wie vor eine vernünftige und solide finanzielle Förderung des ländlichen Raumes. Nennenswerte Erfolge gibt es in diesem Bereich einige:
- Die so genannten EFRE-Mittel der EU zur Regionalförderung in Deutschland konnten um mehr als 15% gesteigert werden. Bayern erhält in der Förderperiode von 2007 bis 2013 rund 492 Millionen Euro.
- Zur Stärkung und Entwicklung des ländlichen Raums in Bayern stellen Land, Bund und EU in dieser Förderperiode über drei Milliarden Euro zur Verfügung.
- Bayern verfügt damit auf der Grundlage des „Bayerischen Zukunftsprogramms Agrarwirtschaft und ländlicher Raum" über ein attraktives und ausgewogenes Förderangebot für die Weiterentwicklung der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft.
Gerade auf das Feld der Agrarpolitik werde ich in meiner Funktion als Europaministerin - das verspreche ich Ihnen - weiterhin ein besonders scharfes Auge habe.
Denn der ländliche Raum kann nur dann attraktiv bleiben und noch attraktiver werden, wenn wir eine wettbewerbsfähige, eine qualitativ hochwertige und eine rentable Landwirtschaft haben, die das positiv prägende Element des ländlichen Raumes schon immer war, ist und auch in Zukunft bleiben kann.
- Für mich ist es daher selbstverständlich, dass die finanzielle Ausstattung der Landwirtschaft in der bisherigen Höhe erhalten bleiben oder dass alternativ eine Umverteilung bei den Direktzahlungen erfolgen muss. Es kann wirklich nicht angehen, dass 20% der Betriebe 80% der Subventionsgelder erhalten. Hier müssen gerechtere Verhältnisse hergestellt werden, damit auch die kleinen und mittleren Betriebe, wie sie vor allem in Bayern vorkommen, gerecht behandelt sind.
- Für mich ist selbstverständlich, dass es in einem Europa mit völlig verschiedener Kaufkraft des Euro und komplett unterschiedlichen Agrarstrukturen eine einheitliche Flächenprämie bei den Direktzahlungen auf keinen Fall geben kann.
- Und für mich ist ebenso selbstverständlich, dass wir über die Zwei-Säulen-Struktur hinaus nicht noch eine dritte Säule etwa für Klimaschutzmaßnahmen brauchen, sondern vielmehr ein Sicherheitsnetz in den Marktordnungen haben zur Abfederung von starken krisenbedingten Schwankungen, die Sie alle in der letzten Zeit mehr als genug erlebt haben.
III. Bewältigung der Herausforderungen durch starke und werteorientierte Landfrauen!
Ich bin überzeugt: Es sind die Menschen in den ländlichen Regionen, die in Eigenverantwortung, mit Eigeninitiative und mit einer nachhaltigen, zielorientierten Politik im Rücken für sich und für ihre Heimat neue berufliche und wirtschaftliche Perspektiven schaffen.
Und wieder sind hier die Landfrauen ein gutes Beispiel für eine solche Eigeninitiative und Eigenverantwortung. Viele von Ihnen, meine sehr geehrten Damen, haben sich in einem schwierigen agrarischen Umfeld mit Ideenreichtum neue unternehmerische Standbeine geschaffen, die vielfältiger nicht sein könnten:
- Sie haben den klassischen Urlaub auf dem Bauernhof weiterentwickelt - von der Zimmervermietung hin zu Komfortunterkünften und Ferienwohnungen mit zielgruppenspezifischen Angeboten. Inzwischen findet jede 7. Übernachtung im Freistaat auf einem Ferienhof statt. Bayern ist deutscher Marktführer für Urlaub auf dem Bauernhof. Dieser Erwerbszweig sichert die Existenz vieler Betriebe. Das ist nicht zuletzt der Verdienst der Landfrauen.
- Viele Bäuerinnen agieren mittlerweile als selbständige Unternehmerinnen. Sie übernehmen Arbeiten im Haushalt, bieten Familien- und Betreuungsdienste an und richten Feste aus. Als hauswirtschaftliche Fachkräfte kennen sie die Wünsche und den Bedarf der Privathaushalte. Sie bringen ihre Kompetenz ein und arbeiten hochprofessionell.
Hier in Landsberg wurde beispielsweise 1997 der ländliche Schmankerl-Service Lech-Ammersee GbR gegründet. Inzwischen ist das eine große, erfolgreiche Unternehmerinnenkooperation geworden, die vom privaten Fest bis hin zur Großveranstaltung für Firmen alles anbietet.
Diese und andere Beispiele zeigen: Die Landfrauen haben die Prinzipien der Eigenverantwortung und Eigeninitiative verinnerlicht. Sie tragen nicht nur mit ihren unternehmerischen Tätigkeiten zur Existenzsicherung ihres eigenen Betriebes bei, sondern bringen durch die Erschließung von „neuen Märkten" ihre Heimatregion voran.
Und das beste: Für diese Tugenden und Werte, für das Zupackende, das Eigenverantwortliche, das Nachhaltige und das Heimat- und Traditionsbewusste, sind die Landfrauen selbst die größten Multiplikatoren - und zwar nicht nur durch ihr Vorbild in der Gesellschaft, sondern auch durch ihr Vorbild in der eigenen Familie.
In der Familie werden unsere christlich-humanistischen Werte und Traditionen vermittelt. Die Familie ist der erste Ort, an dem die Kinder im Umgang mit Eltern und Geschwistern soziale Verhaltensweisen erlernen. Hier werden die Grundlagen für das Zusammenleben in einer Gesellschaft gelegt.
Was die Familien nicht in der Wertevermittlung leisten, das können Institutionen wie Kirche, Kindergarten und Schule kaum mehr ausgleichen. Zwar heißt es in unserer Bayerischen Verfassung vom Auftrag der Schulen: „Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden." [Art. 131 BV] Aber diesem Auftrag kann kein Lehrer, kann kein Erzieher gerecht werden, wenn es kein Fundament gibt, das in der Familie bereits gelegt wurde. Sie legen dieses Fundament alleine durch Ihr Beispiel und durch Ihren erzieherischen Anspruch mit einer vorbildlichen und gesellschaftlich ungemein fruchtbaren Gründlichkeit!
Der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hat bereits in seiner Regierungserklärung die Bedeutung einer klaren Wertorientierung als Fundament für unsere Gesellschaft hervorgehoben und ein Wertebündnis zwischen Erziehern, Lehrern und Partnern aus den Kirchen, der Wirtschaft, den Jugend- und Wohlfahrtsverbänden bis hin zu Sport, Ökologie und Kultur angekündigt.
Dieses Wertebündnis Bayern steht kurz vor seinem Auftakt. Am 1. März wird es in der Allerheiligen-Hofkirche in München offiziell aus der Taufe gehoben. Viele Bündnispartner sind diesem Wertebündnis bereits beigetreten. Sie haben sich auf das Ziel verständigt, jungen Menschen Handlungs- und Erfahrungsräume zu eröffnen, in denen sie Werte reflektieren, an Werten orientiertes Verhalten einüben und ihre Urteilsfähigkeit stärken können.
Meine Damen, „Ohne Frauen kein Land" - wenn Sie zurückblicken, dann wird deutlich, was dieses Motto eigentlich ist -
- nämlich nicht nur der Verweis auf die Gestaltung unserer ländlichen Lebenswelt durch die Frauen,
- und nicht nur der Verweis auf die große Bedeutung der Frauen, wenn es um den ländlichen Raum als sozialen Raum, als Raum des gesellschaftlichen Zusammenhalts geht.
- Dieses Motto ist darüber hinaus die Aussage, dass die Gestaltungskraft und der Gemeinschaftssinn, die Wirkkraft und die Werteorientierung, die Klugheit und die Kreativität eben dieser Frauen Garant sind für eine gute Zukunft dieses unseres ländlichen Raumes - eines Raumes, der uns allen eine so liebe und so teure Heimat ist.
In diesem positiven und zukunftsträchtigen Sinne: Von Herzen alles Gute! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.