Rede

Vorstellung der Passionsspiele Oberammergau 2010 in der Bayerischen Vertretung in Berlin

Datum der Rede: 30.03.10 Rednerin/Redner: Staatsminister Siegfried Schneider

Manuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort.

- Anrede -

Am Anfang steht ein Gelübde. In Mittel-Europa, wütet der 30-jährige Krieg und - in seinem Gefolge - der „Schwarze Tod". Als 1633 die Pest-Epidemie ihren Höhepunkt erreicht, bleibt den Einwohnern eines kleinen Dorfes im tiefen Süden Bayerns nur noch ihr Glaube: Sie geloben, alle 10 Jahre ein „Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus" aufzuführen, wenn nur die Seuche ein baldiges Ende nähme. Niemand, so will es die Überlieferung, sei von diesem Tage an mehr an der Pest gestorben.

Was 1634 als Frömmigkeitsübung in Zeiten der Not begann, ist heute das traditionsreichste Schauspiel vom Leiden und Sterben Christi überhaupt:

Ich freue mich, Sie alle in der Bayerischen Vertretung hier in Berlin begrüßen zu dürfen, um Ihnen die mittlerweile weltbekannten Passionsspiele in Oberammergau vorzustellen!
Eine halbe Million Besucher pilgern alle zehn Jahre in die Ammergauer Berge. Sie alle werden von einem einzigartigen Schauspiel angezogen, das ausschließlich von Einwohnern des Ortes getragen wird. Allein an der diesjährigen Aufführung arbeiten über 2000 Oberammergauer mit - darunter auch 470 Kinder!

Was macht die Faszination dieser Passionsspiele für Hunderttausende Menschen aus? Und das in einer Zeit, in der Kirche und Glauben immer kritischer hinterfragt werden? In einer Zeit, in der ebenso viele Menschen nicht mehr den Weg in die Kirche finden? Um diesen Fragen nachzugehen, aber auch um der Oberammergauer „Leidenschaft" nachzuspüren, werden Sie zunächst die Vorpremiere der gleichnamigen Dokumentation des Bayerischen Rundfunks sehen. Im Anschluss wird dann unter Moderation des Bayerischen Rundfunks eine Podiumsdiskussion stattfinden.

Es ist mir eine große Freude, dazu den Spielleiter der „Passion", wie die Oberammergauer sagen, Herrn Christian Stückl, zu begrüßen. Für Ihr Kommen bedanke ich mich sehr!

  • Als gebürtiger Oberammergauer wurden Sie bereits 1986 zum ersten Mal vom Oberammergauer Gemeinderat zum bislang jüngsten Spielleiter gewählt.
  • 2000 wurde unter Ihrer Ägide die „Passion" grundlegend reformiert.
  • Hauptberuflich sind Sie eigentlich Intendant des Münchner Volkstheaters mit einem Faible für Ausgefallenes.
  • In Begleitung eines Teils Ihres Ensembles werden Sie uns heute Abend Ihr diesjähriges Konzept für die Oberammergauer Passionsspiele vorstellen!

Durch die Diskussion führt Herr Andreas Bönte vom Bayerischen Rundfunk. Ein herzliches „Grüß Gott" Ihnen allen und vielen Dank für Ihr Kommen und Teilnahme an dieser bestimmt sehr spannenden Diskussionsrunde!

Jenseits aller religiösen und künstlerischen Fragestellungen, die ein solches Mega-Event wie die „Passion" aufwirft, faszinieren mich an den Oberammergauer Passionsspielen am meisten die Schauspielerinnen und Schauspieler: Es sind Laien, Menschen mit den unterschiedlichsten Interessen und aus den verschiedensten Berufen, die sich mit ungeheurer Leidenschaft ihren Rollen widmen. Sie alle tragen - jeder für sich und alle gemeinsam - zum Erfolg des Spiels bei.

Und in Oberammergau werden die Passionsspiele vom Dorf getragen: Alle wichtigen Angelegenheiten werden vom Gemeinderat entschieden - oder durch Bürgerbegehren oder Bürgerentscheide. An der „Passion" sind alle beteiligt! Denn Oberammergau ist die „Passion"!

Diese einzigartige Gemeinschaftsleistung, die der Ort schon seit über 375 Jahren erbringt, ist, wie ich meine, das Geheimnis der Passionsspiele von Oberammergau!

Ich wünsche Ihnen allen nun eine anregende und informative Unterhaltung. Mögen Sie aus Dokumentation und Diskussion erfahren, warum in Oberammergau gelingt, was der Evangelist Lukas am Ende seiner Erzählung der Leidensgeschichte beschrieb: „Alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen betroffen weg."