Inhalt
Rede
Heimattag der Siebenbürger Sachsen
Datum der Rede: 26.05.12 Rednerin/Redner: Ministerpräsident Horst SeehoferManuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort.
I. „Erbe erhalten – Zukunft gestalten“
- Anrede -
Ihnen allen ein herzliches „Grüß Gott“! Vielen Dank für diesen beschwingten und herzlichen Empfang! Der Heimattag der Siebenbürger Sachsen ist für mich eine Premiere.
Sehr geehrter Herr Dr. Fabritius,
Sie haben mir bei unserem Gespräch vor gut einer Woche nicht zu viel versprochen. Ich bin froh, dass ich Ihrer charmanten Einladung nicht widerstehen konnte.
„Erbe erhalten – Zukunft gestalten!“ – schon das Motto Ihres Heimattages spricht mir aus der Seele.
II. Werte machen stark
In Bayern leben die meisten Siebenbürger Sachsen. 100.000 unserer Landsleute aus Siebenbürgen haben Bayern zu ihrer neuen Heimat gemacht. Hier in Dinkelsbühl mit all den Trachten, Volkstanz- und Musikgruppen wird deutlich: Sie erfüllen Ihre überlieferten Traditionen mit Leben. Aus Heimatliebe und mit Begeisterung pflegen Sie Ihre Lebensart.
Sie sprechen Ihre eigene, unverwechselbare Mundart. Sie singen und musizieren Ihre Volkslieder. Sie platteln und tanzen nach altem Brauch. Mit Stolz tragen Sie Ihre Heimattrachten – jede davon ein Unikat!
Liebe Landsleute,
wenn ich heute in Ihre Gesichter schaue, wenn ich heute Ihre ganze bunte Vielfalt sehe, kann ich nur sagen:
Großartig! Bayern ist stolz auf seine Siebenbürger Sachsen!
Die Siebenbürger Sachsen wissen: Nur wer seine Wurzeln kennt, kann die Zukunft aktiv gestalten. Das gilt für ganz Bayern.
Wir sind zukunftsstark, weil wir traditionsstark sind.
Die Pflege unserer Traditionen, unserer Kunst und unserer Mundart ist für uns ein Herzensanliegen und Lebenselixier.
Aus unserer Kultur schöpfen wir unser Selbstverständnis, unseren Mut und unsere Inspiration. Aus unserer Kultur gewinnen wir Kraft.
Ob bei Brauchtumsabenden in Ihren Ortsgruppen oder hier am Heimattag – Sie leben Heimatgeschichte vor und begeistern dafür auch die jüngeren Generationen. Ihre Jugendgruppen werden immer stärker. Die Mitgliederzahl wächst.
Das zeigt mir: Traditionen haben Konjunktur. Es gibt eine Renaissance der Gemeinschaftswerte. Egoismus ist out. Zusammenhalt ist in. Gerade bei unserer Jugend.
Brauchtumspflege, Heimatbewusstsein, Stolz auf die eigene Kultur – das sind keine verstaubten Werte. Diese Werte sind frisch, modern, zukunftsstark. Unser charmantes Moderatorenteam macht es uns vor. Sie sind die besten Vertreter einer wertestarken Jugend. Wir sind stolz auf sie. Mit dieser Jugend ist unsere Zukunft sicher.
Junge Menschen brauchen Werte. Sie brauchen Vorbilder und Ideale. Da sind wir alle gefordert. Wir müssen unsere gemeinsamen Werte vorleben. Und wir müssen Möglichkeiten schaffen, dass Kinder und Jugendliche sich mit Werten auseinandersetzen können. Respekt vor anderen Kulturen beginnt beim Respekt vor der eigenen Kultur.
Darum habe ich vor zwei Jahren das Wertebündnis Bayern ins Leben gerufen. 86 bayerische Organisationen, Vereine, Verbände und Stiftungen arbeiten in diesem Bündnis zusammen, um die Wertebildung in unserem Land zu stärken. Und es werden immer mehr Mitglieder. Auch viele Jugendorganisationen sind mit dabei. Die Jugend der Siebenbürger Sachsen würde gut dazu passen.
Wer weiß: Vielleicht haben wir bald einen Wertebündnispartner mehr? Machen Sie mit!
Für mich steht fest: Eine selbstbewusste, geschichtliche verankerte Identität ist die richtige Antwort auf Globalisierung und globale Beschleunigung.
Heimat braucht starke Werte und starke Wurzeln. Die Pflege von Kultur, Identität und Geschichte im eigenen Land ist das Leuchtfeuer für die Zukunft.
Für mich als Ministerpräsident ist es ein Herzensanliegen, das kulturelle Fundament Bayerns zu stärken und weiter auszubauen.
Wir werden ein umfassendes Kulturkonzept entwickeln. Das ist Teil der Verhandlungen für den neuen Doppelhaushalt.
Wir wollen allen unseren bayerischen Regionen helfen, ihre kulturellen Stärken noch besser zur Entfaltung zu bringen – vom Sudetendeutschen Museum in München bis zur Kaiserburg in Nürnberg. Und wir werden in Regensburg ein Museum für Bayerische Landesgeschichte errichten.
Wir in Bayern sind stolz auf die Vielfalt unserer Regionen und unseren kulturellen Reichtum. Und unsere Siebenbürger Sachsen gehören mit dazu! Sie haben eine eigene Kultur und Geschichte und Sie wollen diesen Schatz an Ihre Kinder und Enkel weitergeben.
Dabei unterstützen wir Sie in Bayern nach Kräften: Wir fördern Ihre Kulturprojekte mit jährlich rund 70.000 €.
Wir arbeiten für ein weltoffenes und kulturell starkes Bayern!
III. Kraft zur Zukunft
Heimatliebe und Weltoffenheit, Gemeinschaftssinn und Toleranz gehören bei uns in Bayern zusammen.
Liebe Frau Daniel,
davon sind wir gemeinsam überzeugt!
Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler sind eine Schicksalsgemeinschaft. Sie müssen die gleiche Integrationsleistung vollbringen wie die Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Und, liebe Frau Daniel, Sie haben auch ganz richtig gesagt:
Neu anfangen, sich eingliedern, Brücken bauen – das kostet Mut, das kostet Kraft!
Miteinander, Einheit in Vielfalt – das war und ist unser bayerisches Credo.
Deshalb haben wir in Bayern auch die Änderung des Bundesvertriebenengesetzes 2011 im Hinblick auf die Spätaussiedler von Anfang an begrüßt: Die nachträgliche Einbeziehung von Ehegatten oder Kindern war für Sie, liebe Landsleute, sehr hilfreich.
Taten statt Worte! Das ist mein Credo! Auch bei der Einführung eines Nationalen Gedenktages für die Opfer der Vertreibung in Deutschland will ich Taten sehen. Wir in Bayern haben alles getan, damit in Deutschland ein solcher Gedenktag eingeführt wird.
Mittlerweile hat der Bundestag einen klaren Prüfauftrag an die Bundesregierung erteilt. Damit haben wir ein wichtiges Etappenziel erreicht. Ich bin guter Hoffnung, dass der Gedenktag noch in diesem, spätestens aber im nächsten Jahr eingeführt wird.
Ebenfalls nicht abgeschlossen ist der Weg zu einer angemessenen Würdigung und Anerkennung der deutschen Zwangsarbeiter.
Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ war dazu ein wichtiger und richtiger Schritt. Eine ähnliche Würdigung sollten nun auch die deutschen Zwangsarbeiter durch ihr Vaterland erfahren.
Angesichts der schrecklichen Erfahrung von Zwangsarbeit, von Demütigung und Unterdrückung, ist es für mich eine Frage der moralischen Verantwortung, der wir uns nicht entziehen können. Das schulden wir den Menschen, die unser Land nach dem Krieg wiederaufgebaut haben.
- Anrede -
Ich danke allen Sprechern und Repräsentanten der Landsmannschaft und der vielen Kreis- und Ortsgruppen für Ihr großartiges Engagement. Sie übernehmen Verantwortung für die Gemeinschaft. Sie gestalten Bayern aktiv mit.
Wir brauchen Menschen, die sich für die Gemeinschaft einsetzen! Wir brauchen engagierte, verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger wie Sie!
Ich kann Sie nur ermuntern:
Bringen Sie sich weiterhin so tatkräftig ein!
Pflegen Sie Ihr kulturelles Erbe!
Gestalten Sie unsere gemeinsame Zukunft!
Von Ihrem Mut, Ihren Erfahrungen, Ihrer Verantwortungsbereitschaft kann unsere Gesellschaft viel lernen.
Ein modernes Arbeitsleben sieht heute ganz anders aus als früher: Mobilität, interkulturelle Kompetenz und Mehrsprachigkeit gehören in unserer globalisierten Welt zur Standardanforderung einer Stellenbeschreibung.
Dieses Rüstzeug für Erfolg bringen Sie, liebe Landsleute, schon von Haus aus mit! Andere müssen sich das erst mühsam erarbeiten. Ihr Erfahrungsschatz aus zwei Sprachen und zwei Ländern – das ist Gold wert!
Viele Unternehmer wie Arbeitnehmer aus Ihren Reihen bauen Brücken nach Ost-Europa - für Bayern, für Deutschland. Kein anderes Land in der EU besitzt solche goldenen Brücken in die östlichen Nachbarländer.
Mit solchen Botschaftern, wie Sie es sind, liebe Landsleute, können wir uns in Bayern, können wir uns in Deutschland glücklich schätzen!
Sehr geehrter Herr Diaconescu,
schon Ihre Anwesenheit zeigt: Die Kultur der Siebenbürger Sachsen erfährt auch in der alten Heimat eine große Wertschätzung! Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.
Die Siebenbürger Sachsen pflegen nicht nur enge Kontake zu ihrer alten Heimat. Die Siebenbürger Sachsen gestalten Nachbarschaft!
Dank Ihres interkulturellen Engagements erfreuen sich deutsche Kultur und vor allem deutsche Sprache in Rumänien derzeit großer Beliebtheit.
Sie haben viel für unsere europäische Verständigung und unser europäisches Miteinander getan: Sie haben Brücken gebaut, Sie haben Vertrauen geschaffen.
Auch dafür gilt es, Ihnen allen immer wieder Dank zu sagen.
Herzlich danken will ich auch Ihnen, lieber Herr Dr. Fabritius.
Bei meiner Reise nach Rumänien waren Sie mir eine unschätzbare Hilfe. Sie sind in Rumänien bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“. Ich glaube fast, es gibt in Rumänien niemanden, der Sie nicht kennt. Mit Ihrem kommunikativen Talent Sie sind ein echter Botschafter – ein Botschafter des europäischen Gedankens in der Welt. Gerade jetzt brauchen wir in Europa Menschen wie Sie. Menschen, die zu Europa stehen und für Europa eintreten.
Ich sage Ihnen im Namen der gesamten bayerischen Bevölkerung Dank und Respekt!
In meiner langjährigen politischen Arbeit habe ich gelernt: Die Kraft zur Zukunft kann der Staat nicht verordnen. Sie muss aus der Gesellschaft heraus wachsen.
Für diese Kraft zur Zukunft aus inneren Werten stehen die Siebenbürger Sachsen. Eine gute Zukunft beruht auf Zusammenhalt und Verantwortung – nicht nur in Bayern und Deutschland, sondern in ganz Europa!
IV. Kraft zur Zukunft aus Beteiligung
Die Europäische Union ist ein großartiges Erfolgsmodell und die genialste Idee der Nachkriegsgeschichte.
Europa ist eine große Chance für uns alle. Aber Europa kann nur gelingen,
- wenn wir die europäische Idee zu unserer Herzensangelegenheit machen,
- wenn wir uns für das europäische Zusammenwachsen begeistern,
- wenn wir uns starkmachen für ein Europa der Bürgerinnen und der Bürger.
Europa braucht überzeugte Europäer. Europa braucht Menschen wie Sie!
Durch die Schuldenkrise sind viele Bürgerinnen und Bürger verunsichert. Europa scheint für viele Menschen kompliziert, unberechenbar und fern.
Hier haben wir alle in der Europäischen Union einen klaren Auftrag: Europa muss die Herzen der Menschen berühren.
Europa muss von unten nach oben wachsen.
Wie das geht, haben Sie uns vorgemacht!
Dafür Respekt und Dank!
V. Hoffnung geben, Vertrauen schaffen
Die Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts wird keine Einheitsgesellschaft sein.
Vielfalt ist menschlich. Konformismus, Gleichmacherei und Nivellierung sind unmenschlich.
Davon sind wir in Bayern überzeugt. All das wissen die Siebenbürger Sachsen und leben es vor – hier am Heimattag und in ihrem ganzen Leben.
Liebe Landsleute,
Sie haben Mut bewiesen, Hoffnung gegeben, Vertrauen geschaffen.
Dafür danke ich Ihnen allen im Namen der Bayerischen Staatsregierung und der gesamten bayerischen Bevölkerung!
Ich wünsche uns allen einen fröhlichen und schwungvollen Heimattag der Siebenbürger Sachsen!