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Rede
Rede des Staatsministers Dr. Markus Söder anlässlich der Preisverleihung des 55. Europäischen Wettbewerbs am Christoph-Jacob-Treu-Gymnasium am 11. Juni 2008 in Lauf an der Pegnitz
Datum der Rede: 11.06.08 Rednerin/Redner: Staatsminister Dr. Markus SöderManuskriptfassung: Es gilt das gesprochene Wort.
Der Philosoph Karl Popper hat über den Dialog gesagt: „Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab."
- In Europa haben wir so viele verschiedene Traditionen, so viele verschiedene Identitäten, so viele verschiedene Meinungen, dass es hoch spannend wird, wenn es zu einem Dialog kommt. Das gilt erst recht für den interkulturellen Dialog, für den Dialog zwischen den Kulturen der Welt.
- Unter diesem Motto, dem Motto „Dialog der Kulturen", stand der diesjährige Europäische Wettbewerb.
- Ich freue mich dabei zu sein, wenn die mittelfränkischen Gewinner des Wettbewerbs hier und heute geehrt werden.
- Ihnen und euch allen ein herzliches Grüß Gott!
Das Christoph-Jacob-Treu-Gymnasium ist ein Ort für diese Ehrung, wie er geeigneter nicht sein könnte.
- Hier findet ein sehr intensiver europäischer Dialog statt: Erst vor wenigen Wochen, am 26. Mai, wurde am Christoph-Jacob-Treu-Gymnasium eine kanadische Schülergruppe aus unserer bayerischen Partnerregion Québec begrüßt.
- Die Laufer haben mit den kanadischen Schülern und Lehrkräften einen intensiven und bereichernden Kontakt, der inzwischen auch zu individuellen Freundschaften geführt hat.
- Dass ich an diesem 26. Mai nicht selbst dabei sein konnte, habe ich sehr bedauert. Mein Mitarbeiter Herr Hinterdobler, der für mich vor Ort war, hat begeistert von der Begegnung in Lauf erzählt!
Auch das Jahr 2008 ist aus europäischer Sicht ein gutes Jahr für einen Wettbewerb wie diesen.
- Es ist das Jahr eines europäischen Jubiläums: Am 1. Januar 1958, also vor 50 Jahren, traten die Römischen Verträge in Kraft.
- Auf der Basis dieser Verträge entstand die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die EWG, später EG, die mit dem Vertrag von Maastricht Teil der Europäischen Union wurde.
- Wir haben diesen „50. Geburtstag Europas" zwar schon letztes Jahr gefeiert, weil die Verträge bereits 1957 unterzeichnet wurden. Aber „rechtswirksam" wurde der „Geburtstag" Europas eigentlich erst am 1.1.1958.
Heute, 50 Jahre später, haben wir mit dem Vertrag von Lissabon einen Entwicklungsstand im europäischen Einigungsprozess erreicht, wie man ihn noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte.
- Meine Teilnahme als frischgebackener Europaminister an den Vertragsverhandlungen in Lissabon, der Dialog mit den Vertretern der anderen Länder, die Freude am Ende über die gelungene Einigung: Das alles sind Dinge, die im Gedächtnis bleiben.
- Und auch wenn ich mir ein bisschen mehr gewünscht hätte: Der Vertrag von Lissabon ist ein guter Kompromiss. Er bindet die nationalen Parlamente stärker ein, grenzt die einzelnen Zuständigkeiten besser als früher voneinander ab und macht auf wichtigen Gebieten ein gemeinsames europäisches Auftreten möglich - etwa in der Außen- und Sicherheitspolitik, beim Umweltschutz, bei der Gestaltung der Globalisierung oder beim Kampf gegen den Terror.
- Dass diese Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen wurden, ist das Ergebnis des Dialogs, den die verschiedenen Staaten miteinander gesucht und gefunden haben. Der Dialog ist es also, der eine Politik der sinnvollen Ergebnisse überhaupt erst ermöglicht!
Der Dialog ist aber noch viel mehr. Ich möchte sogar behaupten: Er ist die Seele eines friedlichen Europa.
- In Europa, auf der ganzen Welt hat es über viele Jahrhunderte hinweg Kriege gegeben. Die letzten bewaffneten Konflikte liegen gar nicht so lange zurück! Im Geschichtsunterricht wimmelt es nur so von Schlachten, Friedensschlüssen und wieder neuen Schlachten.
- Diese Zeiten müssen ein für alle Mal vorbei sein! Mein oberstes Ziel als Europaminister ist es, das Jahrhundert, in dem wir leben, als eine Ära des Miteinanders und des Friedens in Europa zu gestalten.
- Wie aber lässt sich Frieden dauerhaft sichern, wenn es verschiedene Interessen gibt, wenn ethnische Konflikte bestehen oder noch immer alte Stereotype in den Köpfen vieler Menschen sind? Warum sollte das friedliche Zusammenleben ausgerechnet jetzt dauerhaft klappen, nur weil wir uns das wünschen?
- Die Antwort ist: Weil wir aus der Vergangenheit gelernt haben, dass man in den Dialog miteinander treten muss.
Dieser Dialog muss aber Voraussetzungen erfüllen, damit es sich auch wirklich um einen echten, authentischen, um einen den Frieden sichernden Dialog handelt.
- Die erste Voraussetzung ist: Er darf sich nicht auf die Ebene der Politiker beschränken. Politiker können immer nur den Rahmen abstecken für das, was jeder Einzelne mit Leben füllen muss. Der europäische und der interkulturelle Dialog muss also auch von den Bürgerinnen und Bürgern, er muss von Ihnen und euch allen geführt werden - im Urlaub, beim Schüleraustausch, über E-Mail und Skype oder, wenn man studiert, während eines Auslandsjahres.
- Die zweite Voraussetzung: Dialog ist eine Sache, die permanent stattfinden muss. Den Unterricht nehme ich von dieser Regel jetzt mal ausdrücklich aus! Aber für das restliche Leben und vor allem für den „Dialog der Kulturen" gilt: Ich kann jemanden nur dann richtig kennen lernen und - noch wichtiger - wirklich verstehen, wenn ich mit ihm dauerhaft im Kontakt bin.
- Drittens: Dialog setzt die Beherrschung der Sprache des Anderen voraus. Ich weiß sehr gut, dass es nicht immer angenehm ist, Vokabeln zu lernen, sich mit Grammatik auseinander zu setzen und Texte in einer fremden Sprache zu lesen. Aber die fremdsprachlichen Fähigkeiten, die man sich heute als Schüler erwirbt, sind die interkulturelle Kompetenz, über die man morgen verfügt. Das kulturelle Verständnis kann nur über das sprachliche Verstehen funktionieren. In der Europäischen Union ist die Situation so, dass Deutsch als Muttersprache von 91 Millionen Menschen gesprochen wird - noch vor Englisch (62 Millionen) und Französisch (58 Millionen). Wer also Deutsch als Muttersprache spricht und Englisch und Französisch in der Schule gelernt hat, kann sich mit sage und schreibe 211 Millionen Menschen unterhalten - und zwar allein in Europa!
Bei 91 Millionen Sprechern der deutschen Sprache bin ich allerdings der Meinung, dass Deutsch dem Englischen und dem Französischen in der EU absolut gleichgestellt werden muss, und dafür trete ich auch ein. Damit wir uns aber nicht missverstehen: Das heißt auf keinen Fall, dass man es jetzt in Englisch und Französisch ein bisschen lockerer angehen kann! - Ein vierter Punkt liegt mir noch besonders am Herzen: Echter Dialog bedeutet, dass man dem Gegenüber, seinem Leben, seiner kulturellen Prägung mit Respekt und Toleranz entgegentritt. Intoleranz bedeutet immer Misstrauen, Gewalt und Feindschaft. Intoleranz führt zu einer der größten Seuchen der Geschichte: dem Rassismus. Ich finde es daher auch toll, dass sich das CJT-Gymnasium an der Aktion „Schule gegen Rassismus" beteiligt und ein Prädikat als Schule der Toleranz und gegen Rassismus anstrebt! Die Vielfalt der kulturellen Strömungen ist kein Grund für Argwohn, im Gegenteil: Sie ist der größte Schatz, über den Europa verfügt. Vielfalt bedeutet immer auch eine Chance für einen selbst, weil man über den Tellerrand des eigenen Kosmos hinausblickt und Neues kennen lernt. Und die Vielfalt ist es auch, die den Dialog bereichert, wie Karl Popper in seinem eingangs zitierten Ausspruch feststellt.
„Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab." - Diese Aussage könnte also fast ein kleines Grundsatzprogramm für die Europäische Union, ein Leitfaden für Politiker und ein Sinnspruch für jeden Einzelnen gleichzeitig sein.
Dennoch haben wir sie noch immer nicht ganz vollständig betrachtet: Es geht um das Wort „konkurrierend". Dieses Wort verweist darauf, dass echter Dialog zwar alle diese Voraussetzungen erfüllen muss, die ich angeführt habe. Aber er muss nicht immer zwanghaft auf einen Konsens hinauslaufen. Ein guter Dialog umfasst mehrere verschiedene Meinungen, er hält auch den Dissens aus! Und er profitiert von diesen Meinungsverschiedenheiten!
Daher beschränkt sich meine Rolle als Vertreter Bayerns auf der europäischen Bühne auch nicht nur aufs Ja-Sagen:
- Ich bin zum Beispiel als Christ der Meinung, dass in den Vertrag von Lissabon ein Gottesbezug aufgenommen werden sollte, weil ganz Europa und ganz besonders Bayern seine wichtigsten Wurzeln im Christentum haben.
- Ich bin als Clubfan und sportinteressierter Mensch der Meinung, dass Angelegenheiten rund um den Sport in Bayern selbst geregelt werden sollten - wir können das schon sehr gut alleine, das haben wir in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen.
- Und ich bin als Bayer der Meinung, dass ein einwohner- und wirtschaftsstarkes Land wie Bayern seinen Einfluss innerhalb der Europäischen Union ruhig noch ein Stück ausbauen könnte und sollte!
Nicht jedes Thema in Europa ist ein Thema für Europa. Auch als Bayern, als Land in Deutschland, als Region in Europa wollen wir möglichst viel in eigener Verantwortung politisch regeln, zum Beispiel - ganz wichtig - Fragen der Bildung.
Das alles sind Themen, mit denen ich nicht überall auf Gegenliebe bei meinen Dialogpartnern stoße. Aber es bringen ja auch meine Dialogpartner ihre ganz eigenen Vorstellungen ein. Das muss so sein - es ist die Voraussetzung für einen guten Dialog! Jeder Dialogpartner hat seinen eigenen Hintergrund, seine eigene Prägung, seine eigene Identität.
Meine Identität ist eine besonders ausgeprägte fränkisch-bayerische Identität, die mich im Dialog auch stark macht:
- Diese Identität besteht aus allem, was meine Heimat ausmacht - aus dem christlichen Bayern, dem weltoffenen und modernen Bayern, dem sportlichen Bayern, dem traditionsbewussten Bayern und dem geschichtsträchtigen Bayern.
- Dass wir uns unsere Identität erhalten, halte ich gerade in Zeiten der Globalisierung für wichtig. Schließlich wird Europa erst durch die vielen verschiedenen Identitäten, die hier aufeinander treffen, so vielfältig und so interessant, wie es ist.
- Der Dialog mit Menschen, die alle einander sehr ähnlich sind und nicht recht wissen, was denn ihre Identität eigentlich ausmacht - ich könnte mir nichts Langweiligeres vorstellen.
Europa verfügt über eine große Vielfalt an kulturellen Grundlagen - das Christentum, die Rechtsstaatlichkeit, die Aufklärung und Stilepochen wie das Barock sind nur einige Beispiele dafür. Die Europäische Union ist das einigende Band, das diese Vielfalt umfasst und zu einem starken, zu einem lebendigen Ganzen macht.
Liebe Gewinner des diesjährigen Europäischen Wettbewerbs! „Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab." - Ein spannendes, abwechslungsreiches und friedliches Europa braucht alle drei Zutaten aus Karl Poppers Ausspruch auf einmal: die Vielfalt, die Konkurrenz und den Dialog.
Ich gratuliere euch dazu, dass ihr den „Dialog der Kulturen" in eueren Wettbewerbsbeiträgen so überzeugend umgesetzt habt. Als Europaminister wünsche ich mir, dass dieser Umsetzung auf dem Papier auch eine Umsetzung in der Realität folgt. Alles Gute und viel Erfolg beim Europäischen Wettbewerb im nächsten Jahr!